Die echtere Wirklichkeit
Roman

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN
9783608966305
Gebunden, 448 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Als Byproxy mit zwei Koffern, Laptop und Rollstuhl aus dem betreuten Wohnen für junge Erwachsene entlassen wird, übernachtet sie in offengelassenen Markständen und verbringt die Tage in den Kaffeehäusern Wiens. Dort erregen vier lebhaft über Philosophie streitende Leute ihre Aufmerksamkeit: Sie sind Aletheia. Byproxy überzeugt sie davon, sie in das besetzte Haus mitzunehmen, das den vier Hauptquartier und Kommune ist. In harten Probemonaten, während derer sie tagsüber die Toiletten putzt und sich abends durch den philosophischen Kanon gräbt, erarbeitet sie sich das Vertrauen der Gruppe. Doch während sich Aletheia auf die große Aktion vorbereitet, wachsen die Zweifel an Byproxy. Welche Schuld treibt sie dazu, jede Woche die Mutter eines bei ihrem Unfall umgekommenen Mädchens zu besuchen?
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2025
Rezensentin Emilia Kröger hat hier wieder einen gewohnt anspruchsvollen Roman von Raphaela Edelbauer vor sich, der deren typischen Themen zwischen Philosophie, Österreich und Technik beleuchtet. Darin hat sich eine Aktivistengruppe dem Wiedererstarken eines Wahrheitsbegriffs verpflichtet, den sie durch die Postmoderne in Gefahr sieht, nun will die Gruppe zu terroristischen Aktionen greifen, resümiert Kröger. Der Roman überzeugt durch interessante Sprache, die Wienerisch, Jugendslang und einen antiquierten Ton mixt, außerdem durch Dynamik und "schillernde" Figuren, droht aber mitunter auszuufern, schließt die insgesamt sehr angetane Rezensentin..
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.11.2025
Raphaela Edelbauer ist für Rezensentin Judith von Sternburg eine der großen Erzählerinnen der Gegenwart: In ihrem neuen Roman taucht eine philosophische Terroristengruppe auf, die der Meinung sind, die Postmoderne hätte mit ihrer "Subjektivierung des Wahrheitsbegriffs" einen nahezu unwiderruflichen Schaden angerichtet. Den wollen sie nun mit terroristischen Mitteln umkehren, dabei soll die Ich-Erzählerin Byproxy helfen, die nach einem rätselhaft bleibenden Unfall im Rollstuhl sitzt, erfahren wir. Byproxy ist eine ausnehmend unzuverlässige Erzählerin, die ihre eigene Geschichte bis zuletzt nicht ganz aufklärt - Sternburg gefällt das ausnehmend gut.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 09.09.2025
"Sprachlust" und das typische "Potpourri aus originellen Vergleichen, Wortschöpfungen und Austriazismen" findet Oliver Pfohlmann auch im neuen Buch von Raphaela Edelbauer vor. Es geht um die junge, im Rollstuhl sitzende Programmiererin Byproxy, die ein neuartiges Spiel entwickelt hat, ein "Think-Backwards-Game", bei dem man einen Mord aufklären soll, in dem man Stück für Stück in der Vergangenheit zurückgeht. Dieses Schema nimmt der Roman nun selbst mehr oder minder auf, so Pfohlmann, wir sehen nämlich Byproxy zu Beginn des Buches als Chefin einer Terrorganisation, die ein Attentat vorbereitet. Die Vorgeschichte dazu bekommt man nun erzählt: die querschnittsgelähmte Byproxy mausert sich nach einigen Exkursen in die Philosophie und dem Rausschmiss aus einem Wohnheim zur Anführerin von vier "skurrilen Aktivisten", die den prekären Zustand der Wahrheit im postmodernen Zeitalter anprangern und sich unter Byproxy zunehmend radikalisieren. Das ist witzig und ein bisschen seltsam, findet der Kritiker, allerdings ist die Protagonistin auch eine "dezidiert unzuverlässige" Erzählerin, wie er betont. Der Roman selbst spielt also mit Fiktion und Wahrheit, leider zieht er sein eigenes "Denk-rückwärts-Spiel" nicht wirklich durch, bedauert Pfohlmann. Gut unterhalten scheint der Kritiker sich trotzdem zu haben.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 23.08.2025
Einen "Sieg der Fiktion" nennt Richard Kämmerlings diesen Roman von Raphaela Edelbauer, in dem - vordergründig - eine terroristische Gruppe plant, eine Bombe hochgehen zu lassen, um darauf aufmerksam zu machen, dass die poststrukturalistische Theorie Foucaults und Derrida für die Übermacht der Fake News verantwortlich ist. Zur Gruppe gehören nicht nur der gescheiterte Philosophiedozent Bernward oder die altlinke "Chirurgin", sondern auch die Ich-Erzählerin Byproxy, die für Kämmerlings besonders spannend ist. Edelbauers trickreiche Erzählweise macht langsam deutlich, dass Byproxy, wie der englische Name schon verrät, mit ihrer Identität nahezu pathologisch und diebisch umgeht, sodass die Erzählung sich als "Post-Truth" enttarnt. Dass die Verbindung zwischen Theorie, Fake News und rechtem Sumpf nicht immer ganz überzeugend daherkommt, kann der Kritiker da gut verschmerzen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 21.08.2025
"Im besten Sinne seltsam" findet Rezensent Adam Soboczynski den neuen Roman von Raphaela Edelbauer, in dem sich fünf Philosophie-Terroristen vornehmen, die Wiener Uni in die Luft zu jagen, weil sie glauben, die Theorie als "Krebs der Postmoderne" habe Phänomene von Fake News bis Orbán zu verantworten. Sie leiden an der Auflösung des Wahrheitsbegriffs, den Foucault, Derrida und Co. zu einem rein subjektiven erklärt hätten - jetzt helfe nur noch, zur Waffe zu greifen. Soboczynski lobt, wie die Autorin den "Maschinengewehr-Schreibstil" der Terrorgruppen der Siebziger in die technikgesättigten 2020er Jahre überträgt. Man muss das ein oder andere an Theorie-Verständnis mitbringen, räumt er ein, findet aber, dass es sich für diesen wagemutigen Roman über einen Haufen Durchgeknallter, die Wien ins Chaos stürzen, auf jeden Fall lohnt.