Thomas Melle

Haus zur Sonne

Roman
Cover: Haus zur Sonne
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN 9783462004656
Gebunden, 320 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Wie viel Selbstbestimmung ist möglich, wenn das Leben von einer psychischen Krankheit fremdgesteuert ist? Wonach sehnt sich einer, der nichts mehr zu verlieren hat? Und wie könnte es aussehen, das letzte Glück? Willkommen im "Haus zur Sonne", einer Institution, die zugleich Wunscherfüllungsmaschine wie Abschaffungsapparat ist. Lebensmüde und todkranke Menschen liefern sich in diese vom Staat finanzierte Klinik ein, um jeden nur erdenklichen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen und dann - ohne großes Aufsehen - aus dem Leben zu scheiden. Aber will, wer nicht mehr leben will, wirklich sterben? 

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.10.2025

Rezensent Timo Posselt zeigt sich ziemlich beeindruckt von Thomas Melles neuestem, für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman, der sowohl den Irrwitz des unterfinanzierten Sozialstaats als auch die erschütternden Tiefen einer bipolaren Störung aufzeigt. Der Protagonist scheint einiges mit dem Autor gemein zu haben, insbesondere die Erkrankung, bei einem Termin im Jobcenter stößt er auf die Broschüre des Hauses zur Sonne, das den Bewohnern in dystopisch-halluzinatorischer Weise Wünsche erfüllt, bis sie sich dann das Leben nehmen (müssen), wie wir erfahren. Alle Bewohner dort sind lebensmüde, nur in ihren Träumen und Wünschen taucht nochmal sowas wie Lebenswille auf, so Posselt, so auch bei Melles Hauptfigur. Dessen Schwanken hat der Autor für ihn in "dunkler Komik" eingefangen, überzeugend, satirisch und doch ziemlich ernst.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.09.2025

Rezensentin Jolinde Hüchtker liest mit Thomas Melles neuem Roman ein beeindruckendes literarisches Zeugnis einer bipolaren Erkrankung, das auf dem Leben des Autors selbst beruht. Der Erzähler ist lebensmüde, ihm kommt ein Flyer des "Hauses zur Sonne" in die Hände, in dem suizidale Menschen ihre letzten Wochen verbringen können und in dem ihnen mittels einer Simulation noch letzte Wünsche erfüllt werden, erfahren wir. Die Wünsche sind für Hüchtker das eigentliche Thema des Buches: Neben kindlichen Wünschen nach Schokolade bestehen eben auch die nach Liebe oder, wie für den Protagonisten, der Wunsch, neben seiner Depression überhaupt einen Wunsch empfinden zu können. Melle verbindet für sie auf anspruchsvolle Weise Science Fiction, Ausgedachtes und Reales und die Frage, wie uns Wünsche am Leben halten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.08.2025

"Literarischer Hardcore" kann auch leise sein, erkennt Rezensent Yannic Walter mit dem neuen Buch von Thomas Melle, in dem dieser über manische Depression schreibt, an der er selbst leidet. Wie immer ist es naheliegend, in seinem Protagonisten, der sich ob seines Leidens in ein Sanatorium begibt, an dessen Ende nicht die Heilung, sondern eine Art assistierter Suizid steht, den Autor selbst wiederzuerkennen. Muss man sich Sorgen machen? Damit würde man dem Buch Unrecht tun, meint Walter, denn tatsächlich ist das hier nicht die autobiografische Erzählung einer Pathologie, sondern eine große literarische Leistung. Denn Melle gelinge es, Worte für das Unerzählbare zu finden, den Zustand der Depression zwischen Stillstand, Wahn und gedanklichem Teufelskreis durch seine Sprache geradezu erfahrbar zu machen. Eine "bittere Satire" auf den Umgang der Gesellschaft mit psychischen Krankheiten ist das Buch außerdem, nur ein paar kleine Detail wirken auf den Kritiker ein wenig "unnötig ausgedacht". Ansonsten kann der Kritiker nur den Hut ziehen vor diesem wichtigen Werk, in dem zwischen all der Depression immer wieder auch Trost zu finden ist.  

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2025

Thomas Melles neuer Roman ist für den Rezensenten Jan Wiele ein "vertracktes Meisterwerk": Irgendwo zwischen autobiografischen Anklägen hofft er, dass es sich doch um Fiktion handeln möge, denn das Erzähl-Ich möchte sterben. Das titelgebende "Haus zur Sonne" ist eine Art Klinik, in der sich die letzten Wünsche durch Halluzinationen erfüllen, so dass das Buch auf interessante Weise ins Fantastische abdriftet, der Protagonist will sich aber nicht lange damit aufhalten, sondern endlich sterben, erfahren wir. Die sich zum Tode selbstoptimierenden Simulationen, in denen er zwischen "Heilung mittels Fiktionen" und absoluter Dunkelheit umherwankt, erinnern Wiele in ihrer manchmal fast wahnhaften Ausrichtung an Klassiker wie "A Clockwork Orange", aber auch an Clemens Setz - in seiner Kraft und seinem Einfallsreichtum ein beeindruckendes Buch, schließt er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.08.2025

Rezensentin Judith von Sternburg denkt bei Thomas Melles neuem Roman an dessen Vorgängerbuch, das sich mit seiner bipolaren Störung auseinandergesetzt hat. Das neue Buch ist nun eindeutig Fiktion, die Probleme mit der Psyche klingen aber wieder an. Der von Sternburg als besonders aufmerksam gelobte Erzähler kommt in ein Sanatorium, das den Patienten zwar alle Wünsche erfüllt, aber nur unter der Prämisse, dass diese dann aus dem Leben scheiden. Die Wunscherfüllung erfolgt in Form von Halluzinationen, die immer bizarrer werden, was sich für die Kritikerin mit "enormer sinnlicher Intensität" liest. Sie macht den Wunsch, sich das Leben zu wünschen, als Zentrum des Buches aus, für sie ein "Hoffnungszeichen" in einem ziemlich finsteren, aber ziemlich treffenden Buch.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 15.08.2025

Als den Abschluss einer "Trilogie des Wahnsinns" und des Schmerzes, als verzweifelten Ruf vom tiefsten Punkt eines unergründlich scheinenden seelischen Abgrunds, liest Rezensent Jan Drees Thomas Melles "Haus zur Sonne". Aber wer ruft, hat noch Hoffnung - Hoffnung, wieder herauszufinden, sich hinaus erzählen zu können. Diesen Lichtblick verliert Melle auch in seinem neuen Roman nicht aus den Augen, lesen wir, wenngleich die leise Restzuversicht in "Haus zur Sonne" kaum zu vergleichen ist mit der Aufbruchsstimmung im ersten Teil jener Trilogie. In "Die Welt im Rücken" offenbarte der Autor 2016 seine manisch-depressive Erkrankung, danach glaubte er sich auch durch das Schreiben von ihr befreit zu haben, weiß der Rezensent. Wie viel tiefer und schmerzhafter der Absturz nach dieser Phase der Stabilität und des Glücks war, davon erzählt Melle in einer Prosa, die sich das Rekursive der Erkrankung, die "Lebens-Loops", wie Drees es ausdrückt, zum Strukturprinzip macht, eine Prosa, in der jedes Wort wirkt, als sei es mit größter Mühe "der Verzweiflung abgerungen". Um den Wiederholungsschleifen dieser Verzweiflung zu entkommen, schreibt Melle eine Dystopie, erklärt Drees. So gelingt es diesem Autor der Lebens- und Sprachmüdigkeit Ausdruck zu verleihen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.08.2025

"Extreme Lektüren" sind die Romane von Thomas Melle eigentlich immer, findet Rezensent Hubert Winkels. So auch hier: Melle macht sich selbst zum Erzähler seines Romans und da lautet das Motto dann nach Frank Zappa:"The torture, the torture, the torture never stops". Bei diesem existenziellen Höllenritt kommt der Rezensent schonmal aus der Puste, denn Melles manisch-depressiver Ich-Erzähler macht die eigene psychische "Zerrüttung" zum Hauptthema des Romans. Der Rezensent wird Zeuge, wie Melle versucht, seine  Krankheit in eine poetische, selbstreflexive Kraft zu verwandeln. So wird die Krankheit zum Programm einer "wilden ungezähmten, aus jedem Ruder laufenden Poesie", die in ständigem Wahn um das leidende Ich kreist. Während im letzten Roman die wahnhaften, plötzlich eintretenden Schübe der Krankheit im Fokus standen, führt die neue Erzählung hin auf die Erlösung durch einen assistierten Suizid. Doch je näher der Tod rückt, so ist nunmal der Mensch, so heftiger beginnt nun das Ich ums Überleben zu kämpfen, verrät Winkels. Fazit: Eine anstrengende, lohnenswerte und harte Lektüre über die menschliche Verfassung. 

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