Fernanda Melchor

Paradais

Cover: Paradais
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2021
ISBN 9783803133380
Gebunden, 144 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar. Der Dicke war an allem schuld, das würde er ihnen sagen. Aber wer ist hier schon ohne Schuld? Der Roman der mexikanischen Autorin Fernanda Melchor erzählt die Geschichte eines Verbrechens: roh, ohne tropische Restmagie, ein schneller, heftiger Schlag.Am Rand des Paradieses ist das Wasser schlammgrün. Jede Nacht sitzen sie unten am Fluss und trinken bis zur Besinnungslosigkeit: der übergewichtige blonde Franco, der in der Luxus-Anlage Paradise wohnt, und der sechzehnjährige Polo, der dort als Gärtner arbeitet. Doch Franco ist kein Freund, er braucht Polo nur, um seine grotesken sexuellen Fantasien auszubreiten. Die drehen sich obsessiv um eine einzige Frau: die unerreichbare Nachbarin Señora Marián...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2021

Rezensent Florian Borchmeyer lässt sich von Fernanda Melchor in die "Intimhölle innerhalb der Zäune Edens" führen. Genau genommen ins mexikanische Dorf Paradais, wo der pubertierende Polo seiner prügelnden Mutter und seinem ausbeuterischen Chef mit seinem fetten, masturbationssüchtigen Kumpel El Gordo der Ödnis und dem "Horror" mit Pornos und Playstation entflieht, wie der Kritiker resümiert. Hymnisch setzt Borchmeyer an: Wie Melchor bei ihren Figuren Opfer- und Tätergrenzen verschwimmen lässt, das Provinzleben "messerscharf" im Sinne Balzacs zeichnet und die "klaustrophobe" Welt zwischen Drogenkartellen, entfremdeter Arbeit und Familienstrukturen skizziert, findet der Rezensent tief beeindruckend. Minimalistischer als der Vorgänger erscheint Borchmeyer der Roman geradezu "kammerspielhaft" und in der Beschreibung von Sexualität und Gewalt noch "drastischer" als Charles Bukowski oder Pedro Juan Gutierrez.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 03.09.2021

Eine angenehme Lektüre ist der neue Roman der mexikanischen Autorin Fernanda Melchor weiß Gott nicht. Und doch fühlt sich Rezensentin Maike Albath seltsam davon angezogen. Vielleicht ist es der Zorn Melchors, der ihr aus jeder Zeile zu schreien scheint und diesen besonderen Sog entwickelt. In "peitschenden Sätzen", rast Albath mit dem Gärtnerjungen Polo durch eine dunkle Welt voller Schmutz, Gewalt und Machismus - ohne Erwartungen, Vertrauen, Hoffnung. Polo habe im Grunde alles verloren, was ihm einmal Halt gab - seinen Großvater, seinen Cousin, seine Zukunft. Und nun muss er sich tagaus tagein die wilden Sexfantasien des fetten, verwöhnten Franco anhören, der in der titelgebenden Gated Community lebt, für die Polo arbeitet. "Paradais" mag auf den ersten Blick wie ein Thriller wirken, Albath jedoch liest darin eine "Allegorie der mexikanischen Gegenwart", in der die unaufgearbeitete eigene Vergangenheit nur so brodelt und spritzt.