Daniela Münkel (Hg.), Florian Schikowski

Die DDR im Blick der Stasi 1985

Die geheimen Berichte an die SED-Führung
Cover: Die DDR im Blick der Stasi 1985
Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 2024
ISBN 9783525302910
Gebunden, 320 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Im Jahr 1985 befindet sich die DDR weiter in der Dauerkrise. Zwar hatten die Milliardenkredite aus der Bundesrepublik 1983 und 1984 den Staatsbankrott abgewendet, doch der Problemdruck ist weiterhin hoch: die miserable Versorgungslage, die marode Volkswirtschaft, wachsende Umweltprobleme und abertausende Menschen, die das Land verlassen wollen. All diese politischen Herausforderungen scheinen auch in den "geheimen Berichten" an die SED-Führung durch. Im Zentrum der Stasi-Berichterstattungen aber stehen weiter die evangelischen Kirchen sowie die Friedens-, Frauen- und Umweltinitiativen in der DDR. Weitere Themen des Jahres 1985 sind Fluchten, Probleme bei der Reichsbahn, verunsicherte Schriftsteller, der 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges und nicht zuletzt die Stimmung der Bevölkerung. Diese war stark von Unzufriedenheit und Resignation geprägt, doch mit dem neuen Machthaber im Kreml verbanden sich Hoffnungen auf Veränderungen, sein Name: Michail Gorbatschow.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2026

Interessante neue Perspektiven auf die Spätphase der DDR ermöglicht diese Veröffentlichung dem gleichwohl nicht rundum zufriedenen Rezensenten Hermann Wentker. Der von Florian Schikowski editierte Band enthält 37 mit einer klugen Einleitung versehene, im Jahr 1986 entstandene Berichte der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG), die im DDR-Ministerium für Staatssicherheit angesiedelt war. Auffallend ist, dass sich der Blick der Geheimdienstbehörden drei Jahre vor Ende der DDR erstmals eher nach Osten als nach Westen richtete. Gorbatschows selbstkritische Analyse der Probleme der Sowjetunion riefen bei der Stasi Ängste hervor, dass die DDR-Bevölkerung ungünstige Vergleiche mit der eigenen Staatsführung ziehen konnte. Auch die Auswirkungen der Tschernobylkatastrophe, die Zweifel an Russlands Infrastruktur weckte, wurden von der ZAIG unter die Lupe genommen, während gleichzeitig registriert wurde, dass der Westen mehr denn je anziehend wirkte auf ausreisewillige DDR-Bürger. Insofern ermöglicht die Veröffentlichung Einblicke in ein von außen noch stabiles System, in dessen Inneren es schon ziemlich rumorte. Nur die konkrete Auswahl der 37 Berichte kann Wentker nicht nachvollziehen - manches sehr Relevantes etwa zu Tschernobyl ist nicht dabei, dafür aber wenig aussagekräftige Einlassungen zu Verkehrsstatistiken.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2025

Rezensent Hermann Wentker erfährt aus den von Florian Schikowski bearbeiteten und kommentierten Stasi-Berichten über das Jahr 1985, was die Stasi beschäftigte. Die 194 ausgewählten Dokumente werfen Licht auf die Rolle der Kirche in der DDR und zeigen das gesteigerte Interesse der Stasi an Friedens- und Umweltgruppen. Dass die Schlapphüte sich um Wirtschaftliches und Krisen weniger scherten, erfährt Wentker ebenso. Dass die Ausreise- und Fluchtversuche immer zahlreicher wurden ist bekannt, gerne hätte Wentker die Zahl von 48.000 Menschen im Buch notiert gesehen, die die SED-Fühung im Jahr 1984 ausreisen ließ, um sich der Kritiker zu entledigen. Interessant ist für den Kritiker außerdem, dass die Stasi nicht alle ihre Ergebnisse an die Regierung weiterleitete, zum Beispiel die Berichte über die zunehmend negative Stimmung in der Bevölkerung. Die Edition findet er insgesamt gelungen und lehrreich.

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