Man könne auch als Literaturwissenschaftler durchaus über Bücher reden, ohne jemals eines gelesen zu haben - mit solch provokanten Thesen bringt Franco Moretti seit Jahren die internationale Literaturtheorie durcheinander. In seinem neuen Buch demonstriert Moretti, der ob seiner innovativen Verve bereits mit Umberto Eco verglichen wird, wie eine "abstrakte Literaturwissenschaft" aussehen könnte: Anstatt sich mit einzelnen kanonischen Texten auseinanderzusetzen, kartographiert er die Landschaft englischer Dorfgeschichten oder erprobt die Anwendbarkeit evolutionstheoretischer Konzepte auf die Entwicklung des Detektivromans.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.02.2009
Überaus anregend, was Franco Moretti zu sagen hat. Wenn Moretti loslegt, die materialistische Literaturtheorie mit Darwins Hilfe vor Marx zu retten, entgeht Lothar Müller zwar die Neigung des Autors nicht, den Analogiecharakter seiner Arbeit zu verwischen, und auch nicht, dass es sich bei Morettis evolutionstheoretisch gewendeter literarischer Stilmittelkunde um eine Hypothese handelt. Doch weil des Autors Absichten dem Rezensenten polemisch genug erscheinen, kann er die im Band zu bewundernden Karten und Stammbäume und die Datensammelwut, die hier zunächst einmal die intensive Lektüre zu verdrängen scheint, überstehen. Zur Belohnung bekommt Müller schließlich doch noch etwas von der guten alten Literaturanalyse. Der russische Formalismus macht's möglich. Durch das Zusammenspiel von rein quantitativer Erfassung und Interpretation, so legt der Rezensent nahe, kann Morettis Abstammungsliteraturlehre punkten.
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