Mit der Erfahrung des Ersten Weltkrieges wurde das Verhältnis von Krieg, Militär und ziviler Gesellschaft neu verhandelt. Das Deutungsmuster des "totalen Krieges" und die spezifischen Zeitumstände lieferten den Nährboden für Ideen, die unter dem Stichwort Wehrwissenschaften firmierten und sich nur unzureichend mit den Kategorien eines nach Disziplinen geordneten Wissenschaftssystem begreifen ließen. Die Geschichte der Wehrwissenschaften zeigt, wie die Idee des Krieges sich einmal in den Disziplinen manifestierte, aber auch in inter- und transdisziplinäre Räume und Kontaktflächen zu gesellschaftlichen Teilsystemen diffundierte. Diese umfassende Ausrichtung auf den Krieg ist eine Fallstudie zur "Bellifizierung" der Gesellschaft, denn hier zeigt sich die umfassende Selbstmobilisierung ziviler Akteure in Fragen des Krieges im 20. Jahrhundert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2012
Mit großem Interesse hat Carsten Kretschmann diese Studie gelesen, in der Frank Reichherzer die Entwicklung der Wehrwissenschaft nachzeichnet, die sich ab dem Ersten Weltkrieg aus einer Vielzahl von Disziplinen speiste und mit einer enormen Bellifizierung der Gesellschaft einherging, wie Kretschmann darstellt. Je drückender die Kriegsniederlage und der Versailler Vertrag empfunden wurden, umso größer wurde die Sehnsucht nach Vergeltung, die etwa durch den aufkommenden Wehrsport genährt wurde. Dass sich der Autor auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen konzentriert und den Zweiten Weltkrieg wie den Kalten Krieg nur streift, findet der Rezensent offenbar nicht schlimm, er hätte sich aber gewünscht, dass Reichherzer weniger Augenmerk auf innerakademische Konflikte gelegt hätte, stattdessen aber die tatsächliche Machtübernahme der obersten Heeresleitung (Hindenburg und Ludendorff) in der Weimarer Republik behandelt hätte.
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