Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer. Ein kurzer Blick, zwei sich berührende Knöchel: Als Ervin, der Schwede, und Frau Dr. Bíró einander in Budapest gegenübersitzen, blitzt für einen Moment Wagemut zwischen ihnen auf. Liegt hier ein Anfang, ein Neubeginn - obwohl die Suche nach der Vergangenheit sie zusammengeführt hat? Gábor Schein erzählt unnachahmlich schwebend und zartfühlend die Geschichte Ervins und mit seiner die Nachkriegsgeschichte Ungarns, deren Folgen bis in die Gegenwart hineinreichen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.05.2020
Mit viel Lob bespricht Judith Leister diesen Roman des ungarischen Schriftstellers Gabor Schein, der ihr hier das Nachwirken ungarischer Geschichte als "literarische Versuchsanordnung" präsentiert. Erzählt wird die Geschichte des sterbenden Ex-Beamten Grönewald, der Psychiaterin Dr. Biro und des Adoptivsohns Erwin, die in der "klaustrophobischen" Enge einer Stockholmer Wohnung aufeinander treffen. Anhand dieser Konstellation reflektiert Schein nicht nur die Brüchigkeit von Identitäten, informiert die Kritikerin: Grönewald erfindet seine Lebensgeschichte, der Ungar Erwin wurde in den Fünfzigern von Österreichern adoptiert und von jenen über seine wahre Identität im Unklaren gelassen. Darüber hinaus binde der Autor zahlreiche Rückblenden ein, verrät Leister, die in der Düsternis des Romans immer wieder "tiefenpsychologische Einsichten in die condition humaine" aufblitzen sieht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.12.2019
Rezensent Ulrich Rüdenauer erfährt in Gabor Scheins Roman von 2015, wie drei Biografien miteinander und mit der unheilvollen Geschichte des 20. Jahrhunderts, namentlich der ungarischen, verstrickt sind. Der weite, in verschiedene Länder ausgreifende Bogen der dichten Erzählung (1956 bis 2006) über die Krakenarme des Systems und der Partei, über Verstrickung, Flucht, äußere und innere Spannungen und Identitätssuche, fordert Rüdenauer als Leser. Die vielschichtige Textur des Romans scheint ihm bisweilen "überdeterminiert", aber dennoch effektvoll.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2019
Rezensentin Ursula Scheer gibt zu, dass ihr der Mangel an Handlung die Lektüre von Gabor Scheins Buch nicht gerade leicht gemacht hat. Darüber hinaus dreht sich in dem Text, den Scheer als Dickicht empfindet, viel um das Unausgesprochene, in der Schwebe Befindliche. Durch die Zeiten und Orte springend erzählt Schein laut Scheer auf diese Weise allerdings recht feinsinnig von der prinzipiellen Unfertigkeit der Identität, von Eigen- und Fremdwahrnehmung und von einem Europa aus ungarischer Sicht.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…