Das Lied von Storch und Dromedar
Roman

Friedenauer Presse, Berlin 2025
ISBN
9783751806411
Gebunden, 976 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure. Eliza May Drayden ist bereits tot, als der Roman 1847 im englischen Yorkshire beginnt. Sie wuchs mit ihren Schwestern in einem einsamen Pfarrhaus in dem kleinen Dorf Bridge Fowling auf, wo sie vor dem wütenden Tod, der nach und nach ihre Familie dahingerafft hat, in eine Fantasiewelt flüchtete. Das Ergebnis: der so verstörende wie faszinierende Roman Haegar Mass - Effekthascherei, urteilen die Zeitgenossen, ein Meisterwerk, schwärmt die Nachwelt. Mit den Jahren wächst ihr Ruhm, ebenso wie das Mysterium der Drayden-Schwestern - zumal sich eines Tages herausstellt, dass der Sarg der großen Schriftstellerin, zu dem jährlich Tausende Literaturliebhaber pilgern, leer ist. Über das Leben Elizas ist wenig bekannt, die Todesumstände sind geheimnisumwittert, und neben ihrem Roman hat sie nur ein Notizbuch mit undurchsichtigen Zeichnungen, Gedichten und Tabellen hinterlassen. Wir lernen Eliza durch die Leben von Menschen kennen, die alle auf die eine oder andere Weise mit ihr zusammenhängen, und in Auszügen aus Biografien und Zeitungsartikeln, die die großen Rätsel zu lösen suchen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.04.2026
Auf fast tausend Seiten entfaltet die niederländische Autorin Anjet Daanje eine literarische Hommage an die Schwestern Brontë, die Rezensent Wolfgang Schneider tief beeindruckt. In elf novellenartig eigenständigen Kapiteln erzählt Daanje von den fiktiven Schwestern Eliza May und Millicent Drayden und vom Nachleben ihres Werks bis ins Jahr 2030, lesen wir. Schneider bewundert, wie die Autorin Motive der schwarzen Romantik entfessle, ohne je in falsches Pathos abzugleiten: "verlorene Uhren", "fatale Klavierlehrer", Flüche und allerhand andere "dunkle Akzente" schaffen eine Atmosphäre des Morbiden, die den begeisterten Kritiker völlig in den Bann zieht, ganz zu Schweigen von den Landschaftsschilderung von "mythisch-dämonischer Größe". Zwischendurch kann Schneider "fiktive Sekundärliteratur", Zeitungsartikel, Briefe etc., entdecken, die die Mythenbildung um die Schwestern in Szene setzen. Besonders fulminant findet er die Novelle über eineiige Zwillinge, die im Okkultismus-Business des 19. Jahrhunderts als Spiegelgestalten auftreten. In Europa gebe es nicht viele "literarische Weltenerfinder" diesen Kalibers, allenfalls Mircea Cărtărescu wäre als Vergleichsgröße zu nennen, schließt der begeisterte Schneider.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 31.12.2025
Ein Buch, in dem man sich verlieren kann, liest Rezensentin Katharina Borchardt. Ungewöhnlich an diesem Werk der niederländischen Autorin Anjet Daanje ist bereits, dass die Hauptfigur, eine Schriftstellerin namens Eliza May Drayden, gleich am Anfang stirbt, verrät die Kritikerin. Im Anschluss geht es darum, wie die Tote im Leben einiger Menschen weiterwirkt, zunächst ganz direkt, etwa wenn sich eine Postangestellte an Drayden erinnert, später geht es dann unter anderem um einen Handschriftensammler, der ein Journal Draydens aufbewahrt. Offensichtlich ist Drayden Emily Brontë nachempfunden, erklärt uns Borchardt, wobei sich Daanje, die schon vorher zu Brontë gearbeitet hat, nicht sklavisch an die überlieferten Lebensdaten der Schriftstellerin hält. Vielmehr geht es in diesem Buch laut Rezensentin darum, wie ein Mensch auch lange nach seinem Tod in der Welt eine Wirkung entfaltet, und sei es untergründig. Geschickt kombiniert Daanje in diesem erstaunlichen Buch Motive und Erzählstränge, die unterschiedlichen Jahrhunderten entstammen, das alles setzt sich zu einem postmodern anmutenden Mosaik zusammen, das mit den Regeln von Ursache und Wirkung bricht. Man wird jedenfalls nicht so schnell fertig mit diesem starken Buch, versichert die Rezensentin.