Für viele Beobachter im Westen bestätigte der 11. September 2001 die angeblich tausendjährige Feindschaft zwischen Orient und Okzident. Georges Corm legt dar, weshalb es sich dabei um einen eingebildeten bzw. herbeigeredeten Gegensatz handelt, der einer bestimmten Interessenpolitik dient. Er zeigt, auf welchen Grundlagen im 19. Jahrhundert die Klischees eines "mystischen, archaischen und irrationalen" Orients entstanden sind, der mit einem rationalen und "modernen" Westen konterkariert wurde. Dabei spart er nicht mit Kritik an denjenigen arabischen Intellektuellen, die - gewollt oder ungewollt - immer wieder neue Nahrung für die westlichen Klischees geliefert haben. Aber er deckt auch die Selbsttäuschungen im modernen westlichen Denken auf, das sich seiner Irrationalität oft einfach nicht bewusst ist und das Missverständnis bezüglich Orient geradezu pflegt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.05.2005
Rezensentin Alexandra Senfft findet in Georges Corms Buch "Missverständnis Orient" zahlreiche Klischees über die islamische Kultur kritisch in Frage gestellt. Der Ökonom und ehemalige Finanzminister des Libanon wende sich insbesondere gegen den Mythos, der Westen sei ein Musterbeispiel an Rationalität und die anderen Gesellschaften eine Ausgeburt der Irrationalität. Wie Senfft berichtet, versteht Crom den "Kampf der Kulturen" als Kunstprodukt, dessen Aufrechterhaltung "höchst profanen Machtinteressen und geopolitischen Gegensätzen" (Crom) diene. Er halte dem Westen vor, komplexe soziale und politische Phänomene auf religiöse und ethnische Faktoren zu reduzieren. Er diagnostiziere eine Idealisierung des christlich-jüdischen Monotheismus, über den der Westen den Islam aus dem globalen Diskurs ausgegrenzt und sich in eine narzisstische Selbstbespiegelung begeben habe. Stattdessen gelte es, den Geist der Aufklärung wiederzubeleben.
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