Gerd Mischler

Von der Freiheit, das Leben zu lassen

Kulturgeschichte des Suizids
Cover: Von der Freiheit, das Leben zu lassen
Europa Verlag, Hamburg 2000
ISBN 9783203800646
Gebunden, 255 Seiten, 17,64 EUR

Klappentext

In keinem Kulturkreis der Welt wird der Freitod als das akzeptiert, was er sein sollte - ein freier Tod. Für die antiken Stoiker war die Selbsttötung eine Pflicht, kein Recht. Im Mittelalter wurde der Freitod als Verbrechen des Menschen gegen sich selbst und Gott verurteilt. Seit Beginn der Neuzeit haben die Philosophen und Mediziner zwar an eine größere Toleranz appelliert, doch frei war die Selbsttötung deshalb noch lange nicht. Auch außerhalb Europas, wie z.B. in Japan, Afrika oder Indien, ist der Freitod seit jeher nur vorgeblich frei, im Grunde jedoch erzwungen oder tabu. Gerd Mischler geht der Frage nach, inwiefern Menschen ihren eigenen Tod frei wählen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.06.2001

Regula Venske bespricht in einer Mehrfachrezension vier Bücher, die sich mit dem Thema Suizid befassen.
1.) Ebo Aebischer-Crettol: "Aus zwei Booten wird ein Fluss" (Haffmans)
Venske bezeichnet diesen Band als ein "hilfreiches Buch" für Betroffene und ihre Angehörigen. Besonderer Pluspunkt scheint für sie zu sein, dass der Autor ursprünglich Chemiker war und später Pfarrer und Seelsorger wurde. Und so werden, wie der Leser erfährt, sowohl biochemische Aspekte und Mangelzustände besprochen, aber auch "psychologische und allgemein menschliche" Seiten des Suizids. Zwar findet Venske die Darstellung bisweilen ein wenig ungeschickt, doch wird dies ihrer Ansicht nach durch die "Fülle des Materials, die gedanklichen Begegnungen und die durchdrungene Lebenserfahrung" wieder wettgemacht. Aebischer-Crettol geht, wie die Rezensentin anmerkt, sehr einfühlsam auf die Sorgen Betroffener ein und widmet sich auch dem Tabu, das das Thema immer noch umgibt.
2.) Gerald/Völkel/Weyershausen: "Das Lexikon der prominenten Selbstmörder" (Schwarzkopf & Schwarzkopf)
Diesem Buch kann die Rezensentin nichts abgewinnen, und deshalb hält sie sich auch nur kurz damit auf. Zum einen stört sie sich an dem Spekulativ-Reißerischem, zum anderen weist sie auf die fragwürdige Auswahl der Persönlichkeiten hin, denn sogar Salvador Allende wird hier in die Liste der prominenten Selbstmörder mit aufgenommen. Am schlimmsten jedoch findet sie, dass die Herausgeber 300 Persönlichkeiten "fröhlich enttabuisiert im Freitode" vereint haben und die "Verzweiflung der Betroffenen frivol zu einem Kuriosum degradierten".
3.) Kay Redfield Jamison: "Wenn es dunkel wird" (Siedler)
Venske weist zunächst darauf hin, dass die Autorin Professorin für Psychiatrie ist und hier ihre Erfahrungen mit psychisch Kranken, aber auch mit einer eigenen Depression "in höchst lesenswerter Weise" zusammenfasst. Der Rezensentin gefällt die Mischung zwischen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen einerseits und persönlichen Aspekten andererseits und bescheinigt der Autorin darüber hinaus einen "eleganten, durchaus literarischen Stil".
4.) Gerd Mischler: "Von der Freiheit, das Leben zu lassen" (Europa Verlag)
Bei diesem Buch sieht Venske die Gefahr einer zu großen "Romantisierung" des Freitods. Sie hält zwar die Forderungen an die Gesellschaft, "tolerant und sachverständig mit dem Problem umzugehen", prinzipiell für gerechtfertigt. Doch müsse man hier deutlich unterscheiden: Ihrer Ansicht nach ist der Suizid nur selten eine "hoch individuelle Privatangelegenheit eines aufgeklärten und rational handelndes Subjekts". Darüber hinaus bedeute ein Suizid auch immer einen "gewaltsamen Eingriff in das Leben anderer" - ein Aspekt, der ihrer Ansicht nach offenbar in dem vorliegenden Buch nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.02.2001

Gudrun Schury ist nicht besonders angetan von dieser Kulturgeschichte des Selbstmords. Im Schnelldurchlauf referiert die Rezensentin Selbstmordmethoden im wirklichen Leben und in der Oper, wo der Selbstmord erstmals im 19. Jahrhundert auftaucht, wobei sie beklagt, dass Mischler auf derartige Quellen nicht zurückgreift. Denn trotz interessanter "Fallbeispiele", beschäftigt er sich kaum mit Zeugnissen aus der Kunst, moniert die Rezensentin. Des weiteren kritisiert sie die vielen "unausgegorenen und klischeehaften" Gedanken, auf die sie in dem Buch gestoßen ist und findet, dass der Autor allzu viel allzu sorglos miteinander "mischlert". Als weiteren "entscheidenden Fehler" dieser Studie sieht sie den unkritischen Umgang mit der Sekundärliteratur; Mischler hat sich auf Standardwerke gestützt, obwohl es mittlerweile Neueres und Besseres zum Thema gibt, so die Rezensentin tadelnd.
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