Im Laufe des 18.Jahrhunderts beginnen sich unterschiedliche Wahrnehmungsparadigmen des Selbstmords zu überlagern und einander abzulösen. Diese Entwicklung zeigt Harald Neumeyer anhand medizinischer Traktate, juristischer wie polizeiwissenschaftlicher Abhandlungen, theologischer Studien, psychologischer Fallanalysen, gerichtsmedizinischer Gutachten, populärer Biographien und literarischer Texte. Selbstmord kann danach als Verletzung des irdischen wie göttlichen Souveräns, als Verbrechen am Staat, als Effekt einer Anomalie und als Resultat eines Normenkonflikts bewertet werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2011
Hans-Jürgen Schings spickt seine Kritik von Harald Neumeyers Habilitationsschrift über den Selbstmord in der Literatur mit Anführungszeichen, mit denen er sein Unbehagen am Vokabular der gegenwärtigen Literaturwissenschaft augenfällig macht. Die Methode, seine Befunde um die Suizide Werthers, Franz Moors und Brentanos bravem Kasperl, die er ins Analysezentrum seiner Arbeit gestellt hat, im Licht interdisziplinärer Wissensgebiete zu betrachten, sieht der Rezensent dem britischen Autor Stephen Greenblatt abgeschaut. Er würdigt die Arbeit verhalten als enorme Fleißarbeit, wenn er auch am Literaturverzeichnis nicht nur deshalb Abstriche macht, weil er die literarischen Primärtexte als "Materialien" auflistet. Wenn der Rezensent indes von den "trübsinnigen Kasuistiken" zu den Selbstmördern in der Literatur flüchtet, wird er auch nicht recht froh. Denn auch hier muss der unzufriedene Schings feststellen, dass in den Bemühungen um die Deutung der Selbsttötung Werthers beispielsweise "große Literatur" lediglich in einen "Diskurs eingebettet und planiert" wird.
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