Sie verkauften neben Salben, Pillen und Wunder-Mittelchen auch Phantasien, die sie ihrem Publikum in Komödien-Spielen vorstellten. Sind solche "Wunder-Ärzte" nun Schauspieler, Quacksalber oder Scharlatane? Und was haben jene Berufsschauspieler, die den Beginn des modernen europäischen Berufstheaters im 16. Jahrhundert geprägt haben, mit Heilkünsten zu tun? Dieses Buch geht einem Phänomen nach, das in der Theater- wie Medizingeschichte meist nur am Rande erwähnt wird: der Verschwisterung von Arzt und Komödiant, die über Jahrhunderte eine weit verbreitete Praxis war. Europäische wie außer-europäische Traditionen kennen den Zusammenhang von Heilung und theatralem Spiel. Masken, Puppen, Tanz, Musik, Körperkünste und närrische Gestikulation hatten teil am Umgang mit sozialen Übeln, Katastrophen, mit Krankheit und Tod. In Europa verlor sich die Verbindung von Theaterspiel und Heilkunst mit der Institutionalisierung des Theaters. Hier wurde der Menschendarstellung auf der Basis des dramatischen Textes der Vorrang gegeben. Die Autoren dieses Bandes tragen zur Korrektur der Theatergeschichtsschreibung bei und eröffnen - nicht zuletzt im Sinne der Gesundheitsforschung - neue Perspektiven einer Erweiterung der Theaterarbeit.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.09.2002
Dass Ärzte und Komödianten in Personalunion auftreten, war einst nicht ungewöhnlich. So verkaufte ein gewisser Johann Carl von Eckenberg im 18. Jahrhundert auf der Leipziger Messe nicht nur diverse Medikamente, sondern trat auch mit großem Tamtam als "starker Mann" auf. Der engen, in Europa bis ins späte 18. Jahrhundert praktizierten Verbindung von Komödienspiel und Heilkunst geht nun ein von Gerda Baumbach herausgegebener kulturanthropologisch ausgerichteter Sammelband auf den Grund, weiß Rezensent Sebastian Werr. Ausgangspunkt des Bandes ist eine weite Auffassung von Theater und Medizin, hebt Werr hervor: Theaterkunst sei nicht allein die geschlossene Fiktion des europäischen Erzähl- Theaters, sondern "sozial-symbolisch-ostentative Gebaren in der Lebenswelt", zitiert Werr die Herausgeberin. Heilkunst umfasse im Gegenzug auch das Wirken all der Wanderärzte, Operateure, Okkultisten und anderer nicht-akademischer Heilkundiger, die auf dem Jahrmarkt die einfache Bevölkerung medizinisch versorgten. Werr lobt die Beiträge der zehn Autoren nicht zuletzt wegen der Reichhaltigkeit der ausgebreiteten Quellen als "sehr ertragreich". Allerdings steht nach seiner Ansicht die Überfülle der ausgebreiteten zeitgenössischen Dokumente bisweilen einer Konzentration auf das Wesentliche entgegen.
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