Deutschland 1983. Helmut Kohl regiert, die Grünen ziehen in den Bundestag ein, der Stern veröffentlicht "Hitlers Tagebücher" und Martin Schlosser wird Student in Bielefeld. Er entscheidet sich für ein Studium der klassischen Taxifahrerfächer Germanistik, Soziologie und Philosophie. Doch das Studentenleben hat er sich lustiger vorgestellt. Er verbringt mehr Zeit in der Uni-Cafeteria als in Vorlesungen, lässt sich treiben und verliebt sich unglücklich. Schließlich zieht er ins vom Leben umtoste Berlin um und stürzt sich kopfüber in eine Affäre, die sein Leben für immer verändern wird. Mit "Bildungsroman" liegt der fünfte Band der Martin-Schlosser-Chronik vor.
Gerhard Henschels Schlosser-Poetik ist "halbierte Romantik" und halber Kempowski, erklärt Steffen Martus: die gleiche einfühlsame Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten, nur ohne die Symbollast, die "große Sensationslosigkeit". "Bildungsroman" jetzt also, der neue Martin-Schlosser-Roman lässt die frühen Achtzigerjahre wieder aufleben, in denen sich die Achtundsechziger mittlerweile in Zyniker verwandelt oder auf dem "Karneval der Alternativkulturen" verloren hatten, in denen Telefone Strippen hatten und Beziehungen kompliziert sein sollten, die Zeit der Musik- und Videokassetten, Kohl, Reagan und Aerobic, fasst der Rezensent zusammen. Schlosser besucht im Roman ein Seminar bei Walter Kempowski, bei eben jenem Autor, der auch diesen seinen Roman so sehr beeinflusst hat, verrät Martus, der sich fragt, was wohl passieren wird, wenn, in weiteren fünfzehn erzählten Jahren, die Schlosser-Romane sich schließlich in den Schwanz beißen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.02.2014
Dass es immer so weiter geht mit den Romanen von Gerhard Henschel, scheint Ernst Horst ein bisschen Angst zu machen. Vorerst aber muss er sich durch einen dicken "Bildungsroman" lesen, der das Genre nicht wirklich ausfüllt, wie Horst meint. Zwar ist das Erzählen linear, aber auch collagenhaft und vor allem nicht echt überraschend, wie wir Horsts etwas langatmigen Ausführungen entnehmen. Dass am Schluss dieser zaghaft parodistischen Coming-of-Age-Story mit Dylan und Cohen und allerlei bildungsbürgerlichem Ballast aus dem Germanistikmuff der 80er noch was Spannendes in Sachen Liebe geschieht, wie der Rezensent lockend ankündigt, hat er am Ende der Besprechung schon wieder vergessen.
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