Ein Buch, das ganze Bibliotheken ersetzt: Günter Kunerts Kompendium über Leben und Liebe, Kinderspiele und Weltuntergänge, Freunde und Feinde, Träume und Albträume - also über die immer wieder schreckliche und erheiternde Wahrheit. Das Lebens- und Lesebuch eines großen Dichters.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.02.2005
Günter Kunert gilt als "griesgrämiger Apokalyptiker", der vom Schlechten im Menschen ausgeht und dem Fortschritt misstraut - ein Urteil, dass Michael Braun in diesem Buch in seiner Einseitigkeit, wenn auch nicht grundsätzlich, widerlegt findet. Es handelt sich um Aufzeichnungen und Skizzen aus drei Jahrzehnten, ein "aphoristisch-essayistisches Welterkundungsbuch" oder auch die "Summe eines Dichterlebens", vom Herausgeber von 1400 Seiten auf knapp 350 eingedampft und in "drei großen Motivgruppen" sortiert: "Von Betrachtungen über das Schreiben weitet sich der Blick zur persönlichen Chronik und schließlich zur anthropologisch- politischen Gesamtschau." Kunerts bewusst gewähltes Genre: die "Aufzeichnung" - die knappe Reflexion ohne Abschluss, basierend auf scharfer Wahrnehmung. Und er ist gut darin, meint der Rezensent - so lange er es tatsächlich durchhält, auf die alles einrahmende Sentenz zu verzichten. Doch leider kann er es nicht lassen, die "punktuelle Perspektive" doch immer wieder zum "allgemeingültigen Gleichnis" zu führen. Und schon ist er wieder da, der kulturpessimistische Aufklärer.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2004
Es sei unmöglich, bekennt Walter Hinck, "von der Vielfalt" der unter dem Titel "Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast" versammelten aphoristischen Aufzeichnungen Günter Kunerts in einer Besprechung "einen hinreichenden Eindruck zu vermitteln". Von der Ästhetik bis zum notwendigen Scheitern des Sozialismus, von der Fleischeslust bis zur Gewalt, von der "Maschinenverfallenheit" des Menschen bis zum Islam - die thematische Bandbreite, die der Rezensent abtastet, scheint kein Ende nehmen zu wollen - und dabei sei mit den 340 vorliegenden Druckseiten erst ein Bruchteil des Gesamtkorpus Kunertscher Aufzeichnungen ediert! Abwechselnd als "Poet", "Lebenschronist" und "Prophet" präsentiere der Autor sich in den drei Hauptteilen der Reflexionen, als deren Ahnherren Hinck Montaigne, Lichtenberg und Canetti ermittelt hat: "Vom Schreiben", "Vom Leben in Kaisborstel" (Kaisborstel ist der schleswig-holsteinische Ort, in dem Kunert seit seiner Ausbürgerung aus der DDR lebt) und "Weltbetrachtungen". Mit diesen Notaten, wagt Hinck zu vermuten, halte man womöglich das Hauptwerk des Lyrikers, Romanciers, Librettisten, Stückeschreibers und Drehbuchautors Kunert in Händen. "Kunerts aphoristisches Schreiben spitzt zu, überspitzt, verschärft Widersprüche, will provozieren."
Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…