Der dritte Band von Günther Rühles "Theater in Deutschland" ist kein historischer Rückblick, sondern die lebendige Schilderung eines Zeitgenossen. Es ist die Zeit der Skandale und Debatten, der Experimente und Neuanfänge, die Günther Rühle in seinem Lebenswerk vergegenwärtigt. Von Rainer Werner Fassbinder bis Peter Zadek, von Hannelore Hoger bis Martin Wuttke treten all die Künstlerinnen und Künstler auf, die diese große Theaterepoche geprägt haben. Es geht um die Aufbrüche und Veränderungen unserer Zeit, um die Wirkung und Strahlkraft des Theaters in beiden Teilen Deutschlands, bis heute. Auch wenn der Band nach dem Tod Günther Rühles Fragment geblieben ist: Er erzählt fulminant von der Vergangenheit, der Gegenwart und Zukunft des Theaters."Mehr als ein Vierteljahrhundert hat Günther Rühle das deutschsprachige Theatergeschehen begleitet und geprägt wie kein anderer." Deutschlandfunk Kultur"In den Klassikern erkannte er das Zukünftige, im Zeitgenössischen das tatsächlich Neue. Sein waches Interesse für die spezifische Persönlichkeit von Künstlern verband sich ganz selbstverständlich mit einem genauen Blick für die großen Zusammenhänge. Es war ihm eine Lust, im Detail die große Linie aufzuspüren." Hermann Beil, Theater heute
Rezensentin Katja Kollmann kommt mit der nötigen Portion Hintergrundwissen auf ihre Kosten in Günther Rühles fragmentarischer deutscher Theatergeschichte der Jahre 1967-1995. Der nach dem Tod des Theaterkritikers von Hermann Beil und Stephan Dörschel herausgegebene Band besticht laut Kollmann durch Rühles Liebe zum Theater und seiner Protagonisten. Mit Hilfe des Glossars kann sich die Leserin die Theaterlandschaft der Zeit über Schauspieler, Regisseure oder Bühnenbildner erschließen, wobei der Autor auf Stein, Peymann und Zadek fokussiert, wie Kollmann erklärt. Dass Tanz- und Jugendtheater im Buch kaum beziehungsweise gar nicht vorkommen, bedauert Kollmann. Rühles Eloquenz und Fachkenntnis aber überzeugt sie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 30.12.2022
Dass Günther Rühle vor seinem Tod Ende 2021 trotz großer gesundheitlicher Einschränkungen noch rund 800 Seiten zur deutschen Theatergeschichte schreiben konnte, freut den Rezensenten Claus-Jürgen Göpfert trotz bisweilen fragmentarisch gebliebener Teile außerordentlich. Von Skandalen wie dem Antisemitismus-Vorwurf an ein Stück Fassbinders im Jahr 1985 oder Handkes "Publikumsbeschimpfung" im Jahr 1966 erfährt der Rezensent ebenso gebannt wie von der Auseinandersetzung des Theaters mit Politik zur Zeit des Vietnamkriegs, der RAF und der Studentenbewegung. Auch die nach Meinung des Autors negative Entwicklung des Theaters seit den 1990er Jahren werde nicht ausgespart. Zu bemängeln hat Göpfert allerdings den geringen Frauenanteil im Buch, doch darüber kann er hinwegsehen. Als wichtigste Erkenntnis nimmt er mit: "Theater muss wehtun!"
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2022
Überwältigt zeigt sich Rezensent Hubert Spiegel von diesem dritten Teil von Günther Rühles Geschichte des Theaters in Deutschland. Von den beiden Vorgängerbänden unterscheidet sich dieser Abschlussband darin, dass Rühle hier Inszenierungen behandelt, die er selbst als Kritiker beziehungsweise später als Intendant des Frankfurter Schauspiels gesehen hat. Spiegel liest gebannt nach, wie Peter Palitzsch mit Shakespeares Rosenkriegsdramen den Vietnamkrieg auf deutsche Bühnen holte, wie Einar Schleef mit seiner "Mütter"-Inszenierung das Publikum in die Flucht schlug oder Heinar Müller die ihm gewidmete Werkschau "Experimenta 6" in Frankfurt als "Begräbnis erster Klasse" betrauerte. Mit Müllers tatsächlichem Tod erklärt Rühle 250 Jahre bürgerliches Theater für beendet, hält Spiegel fest, selbst Peter Steins "Faust" sei nur noch Epitaph. Denkend genießen, empfiehlt Spiegel.
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