In seiner 1945 verfassten Rede "Deutschland und die Deutschen" bescheinigte Thomas Mann seinen Landsleuten, dass ihnen immer wieder gerade das Beste zum Bösen ausgeschlagen sei - damit eine Betrachtung Goethes verschärfend, der das Klassische als das Gesunde, das Romantische als das Kranke einstufte. Gustav Seibt lässt sich von solchen Diagnosen anregen, indem er sich mit einem "deutschen Sonderweg" auseinandersetzt: dem Philhellenismus, der Sehnsucht nach einem deutschen Arkadien. Mit ihrer schwärmerisch-melancholischen Tendenz, ihrem ästhetischen Radikalismus hat die Griechenliebe immer wieder das Misstrauen der "lateinisch-nüchternen" europäischen Nachbarn erweckt und insbesondere nach 1945 zum Nachdenken über ihren Anteil am nationalen Kulturhochmut der Deutschen herausgefordert. Dass die hellenisch-deutsche Wahlverwandtschaft nicht zwangsläufig Weltferne und Gegenwartsfeindschaft zur Folge haben muss, dass der Traum vom Klassischen und die historische Melancholie durchaus kraftvoll sein, dass Sonderwege den Eigensinn gegen totalitäre Gleichschaltung befördern können, davon erzählt Gustav Seibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2008
Charakterisch für diese Essays ist für Wolfgang Schuller nicht zuletzt der "überlegene Eigensinn" des Autors, die darin sich ausdrückende "konservative Weltsicht" bei "großer innerer Freiheit". Wie Gustav Seibt Orte, Personen und Gegenstände der deutschen (Geistes-)Geschichte in den Blick nimmt, hat Schuller sichtlich imponiert. Entzückt sogar zeigt er sich darüber, wie Seibt den Wörlitzer Park auferstehen lässt, die deutsche Griechen-Rezeption beschreibt (ohne Beckmesserei) oder einen Abgesang auf das Humboldtsche Universitätswesen verfasst. Die ein oder andere Blickverengung oder Unrichtigkeit in der Darstellung (etwa der Querelen um die Restaurierung der Quadriga auf dem Brandenburger Tor) ärgert den Rezensenten zwar, aufs Ganze dieser Sammlung betrachtet aber scheint er sie dem Autor durchgehen zu lassen.
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