György Konrad

Der Besucher

Roman
Cover: Der Besucher
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999
ISBN 9783518410844
gebunden, 200 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

An einem scheinbar ganz normalen Arbeitstag besucht der Beamte in der Stadt B. die verkommene Wohnung von Selbstmördern, die dort ein zurückgebliebenes Kind hinterlassen haben. Er beschließt, Beruf und Familie den Rücken zu kehren und bei dem Kind zu bleiben. Die Sorge für dieses Kind, das keinen Heimplatz findet, soll ihm Eintritt verschaffen in die Gesellschaft, über der er bisher gestanden hat. Der das Elend verwaltete, entschließt sich, das Elend zu teilen. Seine Revolte währt indes nicht lange. Konráds Roman, erstmals in den siebziger Jahren in Deutschland erschienen, ist eine Abrechnung mit dem Zentralsatz der Intellektuellen: "Eigentlich müßte ich ja ?".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.1999

In einer Doppelrezension geht Hansjörg Graf nicht nur auf Konráds neues Buch "Der Nachlass" ein, sondern auch kurz auf die Neuerscheinung seines Romans "Der Besucher" (beide Suhrkamp Verlag).
1) "Der Besucher":
Für Graf hat dieser Roman nach dreissig Jahren nichts von seiner Qualität eingebüsst, im Gegenteil: Das Buch gehöre in die "Top-Etage der zeitgenössischen Literatur". Auch wenn dieser Roman über das Scheitern eines Individuums in der Gesellschaft (genauer gesagt: in der Beamten-Routine) von regionalen Gegebenheiten ausgeht, so schmälert dies in Grafs Augen die Durchschlagskraft nicht: Ein "literarischer Paukenschlag", so lautet Grafs Fazit.
2) "Der Nachlass":
Graf erkennt in "Der Nachlass" vor allem eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie man in einem politischen Kontext Position bezieht, und ab welchem Punkt man sich schuldig macht. Antal Tombor, ein Paradebeispiel passiven Widerstands, ist nach der Wende ein Mann mit Einfluss. Aber wie verhält man sich in einem "gemässigten Polizeistaat"? Wie schuldig hat man sich gemacht, wenn man bei Massenmord zugesehen hat? Soll man für Unterlegene eintreten, und ab wann wird man selbst ein Opfer? Diesen Diskurs führt Konrád "weder larmoyant noch abgeklärt", so Graf. Darüber hinaus macht er Konráds Stärken vor allem im Episodischen aus.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.1999

In einer Doppelrezension bespricht Ulrich M. Schmid neben Konráds neuem Roman "Der Nachlass" (Suhrkamp-Verlag) auch dessen ersten Roman "Der Besucher".
1) "Der Besucher":
Schmid streift nur diesen ersten, kürzlich neu aufgelegten Roman Konráds, der 1969 bereits einmal erschienen ist. Er zeigt sich dabei sichtlich beeindruckt von der "Inventarisierung" von Benachteiligten: Es sind Obdachlose, Anstaltskinder, Schwachsinnige, Gewalttäter, denen Konrád hier eine "literarische (und damit auch soziale) Existenzberechtigung" verleihe. Dabei interessiert sich Konrád in einem kritisch-philosophischen Sinne für die Umstände der sozialen Abgründe, in die er den Leser schauen lässt, so Schmid.
Schmid geht sehr ausführlich auf diesen vierten Teil von Konráds Romantetralogie ein. Obwohl er die Tetralogie als "Bestandesaufnahme der geistigen Verfasstheit Ungarns" betrachtet, steht für Schmid nicht das Politische im Vordergrund, sondern vielmehr die gesellschaftlichen Mechanismen, das Scheitern von Visionen, aber auch die daraus resultierenden Einsichten. Der eigentliche Handlungsverlauf ist zweitrangig, denn Konráds Technik ist eine "impressionistische", meint Schmid: die Beleuchtung einzelner Szenen scheint Konrád wichtiger zu sein, als eine Entwicklung zu beschreiben. Dass der Name der Stadt Kandor ein Anagramm aus dem Familiennamen des Autors ist, ist für Schmid kein Zufall: In seinen Augen spiegeln sich die Facetten von Konráds Persönlichkeit in den Figuren wider.
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