Ingeborg Bachmann hat von ihrem schönsten Gedicht "Böhmen liegt am Meer" gesagt, sie könne gar nicht glauben, dass sie es selbst geschrieben habe. Alles, was ihr Leben und Schreiben ausmacht, steht in diesem Gedicht. Die Entstehungsgeschichte gerade dieses Gedichts ist staunenswert und berührend: Ein Jahr nach der Trennung von Max Frisch und ihrem Zusammenbruch reiste die Dichterin im Jänner 1964 mit einem jungen Begleiter von Berlin nach Prag. Dieser Reise verdanken wir nicht nur "Böhmen liegt am Meer", sondern einen bisher unbemerkt gebliebenen Gedichtzyklus. Hans Höller und Arturo Larcati, beide Herausgeber der Salzburger Bachmann Edition, leuchten die biografischen Hintergründe dieses Zyklus aus.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.12.2016
Literaturwissenschaft auf der Höhe ihrer Möglichkeiten bekommt Helmut Böttiger mit dieser Vorabpublikation zur großen Salzburger Bachmann-Edition von Hans Höller und Arturo Larcati. Der kleine Essay hat es laut Böttiger in sich. Als Meisterleistung feiert der Rezensent das Aufspüren eines bisher nur verstreut veröffentlichten Prager Gedichtzyklus Bachmanns aus dem Jahr 1964 und dessen philologische Detailanalyse, die laut Böttiger nicht weniger als eine Poetologie der letzten Jahre Bachmanns eröffnen, lebens- und werkgeschichtlich bedeutsam, wie Böttiger findet. Das Ende der Beziehung zu Max Frisch, Bachmanns Versuch, das Böhmische als das Andere im Eigenen zu erkennen, sowie motivische Entwicklungen und intertextuelle Bezüge, etwa zum Romanfragment "Der Fall Franza" werden für Böttiger in der subtilen Feinanalyse sichtbar.
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