Hartmut Binder

Kafka in Paris

Historische Spaziergänge mit alten Photographien
Cover: Kafka in Paris
Langen Müller Verlag, München 1999
ISBN 9783784427577
gebunden, 242 Seiten, 44,99 EUR

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.04.2000

Hans-Albrecht Koch bespricht in seiner Rezension drei Bücher von und über Franz Kafka.
1) Hartmut Binder: "Kafka in Paris" Ganz "Gottfried-Kellersch" bei der Lektüre wird Hans-Albrecht Koch zumute, während er in dem Photobuch mit Texten von Hartmut Binder liest, dessen Gegenstand zwei Reisen Kafkas mit Freund Max Brod (1910 u. 1911) nach Paris sind. Man hat das Gefühl, dieses Buch ermöglicht es dem hingerissenen Rezensenten, mit Brod und Kafka noch einmal alle Wege von damals nachzugehen. Koch bespricht dieses Buch zusammen mit zwei Texteditionen zu Kafkas Werk, auf die ihn die zeitgenössischen Fotos, "die alles zeigen, was die Reisenden damals gesehen habe", und Hartmut Binders "hintergründiger", "humorvoller" und mikroskoppisch genauer Text erst einmal genußvoll einstimmen.
2) Franz Kafka: "Beschreibung eines Kampfes. Gegen zwölf Uhr" (Verlag Stroemfeld/Roter Stern)
Dann kommt Koch zur Edition von 371 Briefdokumenten aus den Jahren 1900-1912, die er als eine der "Großtaten der Kafka-Forschung bezeichnet", besonders wegen ihres "stupenden Kommentars", der keine Fragen offen lasse. Getrübt wird dieses Bild allerdings durch den "befremdlichen Aufbau" des Buches, die Verteilung von Kommentar und Apparat auf zwei unterschiedliche Plätze, was zur Folge hat, daß man gleichzeitig "an drei Stellen lesen muß". Möglicherweise will der Rezensent dem Leser diese Zumutung ersparen und erzählt deswegen sehr detailreich aus den Briefen, was die Lektüre seiner Kritik zuweilen etwas ermüdend werden läßt. Den umständlichen Aufbau erklärt sich Koch dann mit einer möglichen Verwertung der Ausgabe als Taschenbuch. Da könne man nämlich den wegen erheblicher Mängel ohnehin entbehrlichen Anhang einfach weglassen.
3) Franz Kafka: "Briefe 1900-1912" (S. Fischer Verlag)
Mit Rekurs auf den jahrelangen Streit zwischen dem S.Fischer- und dem Stroemfeld-Verlag über die Nutzung der Manuskripte sowie Glück und Unglück, das der Kafka-Forschung daraus erwuchs, beschreibt Koch schließlich die Faksimile-Ausgaben zweier Kafka-Erzählungen durch den "hochverdienten Wilden unter den Verlegern" K.D.Wolff. Der Rezensent ist sehr angetan. Fast tendiert er zu der Auffassung, man könne auf die Transkription der Manuskripte ganz verzichten, weil Kafka so leserlich schrieb. Nicht zu unterschätzen sei auch der "konservatorische Nutzen" dieser Faksimilierung, da Manuskripte zunehmend vom Säuretod bedroht seien.
Stichwörter

Themengebiete


Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…