Herausgegeben von Marius Barius. Für Harun Farocki war das Schreiben untrennbar mit seinen filmischen Arbeiten verbunden; seine Arbeit am Bildbegriff bedeutete immer auch eine Übersetzungsleistung vom Bild zum Text und umgekehrt. Die nun publizierte Autobiografie aus dem Nachlass bildet in seinem Schaffen eine große Ausnahme: Farocki konnte sie nicht beenden, er starb im Juli 2014. Wir haben ein Werk vor uns, das in sich unfertig geblieben ist - genau darin liegt jedoch die Faszination, die die Autobiografie ausübt. Geschildert wird die bedrückende Kindheit, Farockis Flucht nach Westberlin, das Glück, den Film entdeckt zu haben, obwohl er Schriftsteller werden wollte, seine Zuwendung zum Außenseitertum, seine Radikalität des Denkens, sein Weitblick, seine Beobachtungsgabe, die wachsende Fähigkeit zur Analyse gesellschaftlicher Strukturen, die Politisierung des Lebens. Farocki nimmt in seiner Autobiografie die Haltung des Filmemachers ein, er ist nicht nur ein kritischer Leser seines Lebens, sondern auch des Zeitgeschehens, das die Hintergrundfolie der Gesamterzählung bildet.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.11.2017
Diese Autobiografie eröffnet die Harun-Farocki-Werkausgabe, weiß Rezensent Fritz Göttler und ist begeistert: Am besten sollte man Farocki-Filme während der Lektüre schauen, meint der Kritiker, der dem Filmemacher und Autor hier in Zehnerschritten durch dessen Leben von der Kindheit in Indonesien über die Jugend in einer Jesuitenschule in Deutschland und der Flucht aus dem bürgerlichen Elternhaus bis in die Geschichte der Siebziger und Sechziger der BRD und in Farockis späte Schaffensphase folgt. In dem Text, in dem auch immer wieder die Stimme Walter Benjamins zu vernehmen ist, lernt der Rezensent den Autor als produktiven Ausbeuter kennen, der von Freunden und Freundschaften abhängig war, erfährt, wie eng Liebe, Arbeit und Kino für Farocki zusammengehörten und liest mit Interesse dessen Reflektionen zur Geschichte Sehens und deren Veränderung durch die digitalen Medien.
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