Schmerz ist eine Provokation ? schädlich, quälend, verletzend und demütigend. Seine Wahrnehmung ? bei sich oder anderen ? gehört zu den intimsten aller Erfahrungen. Dennoch ist diese Wahrnehmung eingebunden in ein Geflecht historischer und kultureller Koordinaten. Das Zeitalter der Aufklärung sprengte schließlich die Überzeugung, daß Schmerz ein unausweichliches, individuelles Schicksal darstellt und in die Kategorie der unverrückbaren Dinge gehört. Aber an die Stelle des Schmerzes als Gottesurteil oder als Leiden, das Belohnung verspricht, sind neue Mythen von Authentizität, Stärke und Natürlichkeit getreten. Erst wenn wir auch diese neuen Mythen entzaubern, werden wir unser Verhältnis zum Schmerz grundlegend verändern können.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 16.12.2000
Die Rezensentin Stephanie Castendyk gibt ganz genau den Punkt an, bis zu dem sie dem Buch folgen kann. Die Kritik an einer protestantisch-puritanischen Tradition des Umgangs mit Schmerzen, die das "Ertragen von Leiden" für etwas Edles hält, teilt sie voll und ganz. Die politische Forderung, umfassende Möglichkeiten zur Schmerzbekämpfung bereitzustellen, findet Castendyk "klar und begrüßenswert". Problematisch wird es aber im historischen Teil. Die Ableitung aus dem Protestantismus macht die Rezensentin noch mit; damit aber den "Ausbruch der Barbarei in Deutschland" erklären zu wollen, das gehe nur mit Hilfe arger Verkürzungen. Hier, so Castendyks Urteil, "versteigt sich die Autorin". Dann kommt es knüppeldick: über weite Strecken wirke das Buch geradezu unlektoriert, "die Sprache hüpft zwischen Darstellung und wilder Polemik" und unterbiete das Niveau der herbeizitierten Autoren um Längen. Auf ein versöhnliches Wort am Ende der Rezension wartet man dann vergebens.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.10.2000
Angetan zeigt sich der Rezensent mit dem Kürzel "lx." in einer knappen Besprechung des Buchs, das sich mit dem kulturellen Diskurs über den Schmerz beschäftigt. Die französische Kulturwissenschaftlerin Azoulay versuche zu zeigen, dass, nachdem die Aufklärung mit der Vorstellung vom Schmerz als "Gottesurteil" aufgeräumt hat, besonders in Deutschland, dem "Land Ernst Jüngers", die Bereitschaft wachse, Schmerz wieder als "gegeben hinzunehmen" und als "deutsche Tugend" zu glorifizieren, so der Rezensent anerkennend.
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