Aus dem Slowenischen neu übersetzt und mit einem Nachwort von Erwin Köstler. "Sie redeten skandalöses Zeug über meine Moral.""Das Haus der Barmherzigkeit" gilt als ein Höhepunkt der slowenischen literarischen Moderne. In dem 1904 erschienenen Roman erzählt Ivan Cankar in leisen, poetischen Tönen vom Leben unheilbar kranker Mädchen in einem Wiener Spital - und in aller Deutlichkeit von ihren Traumen und vom Elend, dem die Kinder draußen in der beinharten Realität der Donaumetropole ausgesetzt waren: von Armut, Misshandlung, sexuellem Missbrauch. Die zeitgenössischen Rezensenten verrissen das Buch und warfen dem Autor Dekadenz und Pornografie vor, die man dem "gesunden" slowenischen Volk nicht zumuten könne.Für die gehässigen Kritiken revanchierte sich Cankar noch im selben Jahr mit "Frau Judit". Die Satire auf die Doppelmoral und den fehlenden Kunstverstand der selbsternannten Hüter des Volkes ist eingebettet in die Erzählung von einer selbstbewussten Frau, die offen lebt, was andere im Verborgenen tun.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 10.01.2025
Rezensent Jörg Plath liest Ivan Cankar, einen Klassiker der slowenischen Moderne, in der gelungenen Neuübersetzung von Erwin Köstler. Die beiden kurzen Romane in diesem Band zeigen den Autor laut Plath als unsentimentalen Beobachter. Ob Cankar wie in der Titelgeschichte eher unnaturalistisch und zwischen Traum und Realität schillernd vom Schicksal behinderter Heimkinder erzählt oder von einer freien Frau, die sich ihre Liebhaber nach deren Haltung auswählt ("Frau Judith"), stets bestechen die Texte durch ihre Dichte und Atmosphäre, weiß Plath. Die neuen Übertragungen findet er klarer und selbstverständlicher als die alten.
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