"Der Kaufmann von Venedig" ist voll zwiespältiger Charaktere, Beweggründe, Handlungen, die einander und oft sich selbst widersprechen. Die buchstabengenaue Lektüre des Stücks durch den Theatermann und Literaturforscher Ivan Nagel führt zu einem erstaunlichen Ergebnis. Shakespeare hat in diesem Stück zwei Stücke geschrieben: eines für sein Publikum von (laut Magistrat von London) "entlaufenen Dienern, Beutelschneidern, Pferdedieben, Zuhältern, Falschspielern" - ein anderes für die Wachsamsten seiner Zeit und der Nachwelt. "Shakespeares Doppelspiel" geht dem Stück bis in Shakespeares Probenarbeit als Theaterunternehmer, Autor und Regisseur nach. Er erscheint hier nicht als "ein Elisabethaner" - sondern als der Dichter-Dramatiker, der Genaueres vom Menschen wusste als irgendein anderer.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.02.2013
Ein seltsames Buch, findet Gerhard Stadelmaier. Aber auch ein fantastisches Buch, meint er. Dass Ivan Nagel es nicht abschließen konnte, scheint dabei kaum ins Gewicht zu fallen. Bedenkenswerte Thesen und Gedanken des passonierten Theatermannes Nagel findet Stadelmaier darin mehr als genug. Wenn der Autor sich also Shakespeares "Kaufmann" widmet, lesend, philologisch forschend, wuchtig, musikalisch, verführerisch wie gewohnt, und mit kriminalistischem Spürsinn, wie Stadelmaier feststellt, fällt dabei etwas ab für den Rezensenten. Am Ende hat ihn der Autor beinahe eingewickelt in seine Vorstellung von den zwei Stücken in einem Drama und von der Idee eines homoerotischen Underground-Dramas. Analytisch ein Vergnügen, gibt Stadelmaier zu. Dem Ergebnis braucht er dabei nicht mal zuzustimmen.
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