Aus Anlass der 50 Wiederkehr des Literaturnobelpreises an Ivo Andri? erscheint seine Disseration aus dem Jahr 1924 "Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft" erstmals als Einzelpublikation im Wieser Verlag. "In der Dissertation kann man die Genese von all jenem entdecken, was Andri? als Literaten formte und auszeichnete", schreibt Zoran Konstantinovi? im Jahre 1982. Mit der Herausgabe dieses Bandes würdigt der Wieser Verlag den großen Erzähler und Nobelpreisträger und legt sein theoretisches Grundlagenwerk vor, das in den jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen mystifiziert und diskreditiert wurde.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2012
Mit großer Dankbarkeit hat Michael Martens zur jetzt zugänglich gemachten Dissertation des Literaturpreisträgers Ivo Andric von 1961 gegriffen. Die darin zum Ausdruck kommenden Ressentiments und der von politischen Rücksichten geprägte Türkenhass sind ihm zwar unbehaglich, dafür hat er aber eine Schatzkiste voller Motive und Figuren für Andrics späteres Werk gefunden, wie er erfreut kundtut. Der Autor war, bis er sich 1941 ganz aufs Schreiben verlegte, Diplomat und stellvertretender Außenminister von Bosnien, und seine 1924 erschienene Doktorarbeit steht deshalb ganz im Schatten der Politik, erfahren wir vom Rezensenten. Martens liest hier mit wachsender Irritation "Worte und Urteile aus einer anderen Zeit". Dafür entdeckt er in der Dissertation aber einen "Schlüssel" für das spätere Werk des Schriftstellers, dem man nicht nur die Freude an der Sprache anmerkt, sondern der sich für seine Romane durchaus an Motiven und Figuren seiner akribischen Recherchen und Quellenarbeit bediente. Gerade angesichts der Tatsache, dass es noch keine deutschsprachige Lebensbeschreibung über Andric gibt, findet der Rezensenten diese Doktorarbeit so wertvoll.
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