James C. Scott

Die Mühlen der Zivilisation

Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten
Cover: Die Mühlen der Zivilisation
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
ISBN 9783518587294
Gebunden, 329 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Horst Brühmann. Uns modernen Menschen erscheint die Sesshaftigkeit so natürlich wie dem Fisch das Wasser. Wie selbstverständlich gehen wir und auch weite Teile der historischen Forschung davon aus, dass die neolithische Revolution, in deren Verlauf der Mensch seine nomadische Existenz aufgab und zum Ackerbauer und Viehzüchter wurde, ein bedeutender zivilisatorischer Fortschritt war, dessen Früchte wir noch heute genießen. James C. Scott erzählt in seinem Buch eine ganz andere Geschichte. Gestützt auf archäologische Befunde, entwickelt er die These, dass die ersten bäuerlichen Staaten aus der Kontrolle über die Reproduktion entstanden und ein hartes Regime der Domestizierung errichteten, nicht nur mit Blick auf Pflanzen und Tiere. Auch die Bürger samt ihren Sklaven und Frauen wurden der Herrschaft dieser frühesten Staaten unterworfen. Sie brachte Strapazen, Epidemien, Ungleichheiten und Kriege mit sich. Einzig die "Barbaren" haben sich gegen die Mühlen der Zivilisation gestemmt, sich der Sesshaftigkeit und den neuen Besteuerungssystemen verweigert und damit der Unterordnung unter eine staatliche Macht. Sie sind die heimlichen Helden dieses Buches, das unseren Blick auf die Menschheitsgeschichte verändert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2019

Rezensent Ernst Pernicka kann in dem Buch des Politikwissenschaftlers James C. Scott keine einheitliche Theorie über die Entstehung der Staaten erkennen. Dazu bleibt ihm der Autor allzu oft hinter der aktuellen Forschung zurück und neigt zu Verallgemeinerungen und "eklektischer" Faktenauswahl. Als bündige Darstellung unserer Zivilisationsgeschichte taugt das Buch nach Meinung des Rezensenten aber allemal. Wie Scott die "Urbane Revolution" mit Aufkommen von Privateigentum und Rechtsnormen - allerdings unter weitgehender Ausklammerung der Religion - behandelt, scheint Pernicka lesenswert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.08.2019

Die Landwirtschaft war unser Unglück - so könnte man laut Hermann Parzinger, seines Zeichens Prähistoriker und seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Kernthese von Scott zusammenfassen. Dabei stört ihn allerdings, dass Scott hier gegen einen angeblichen Mainstream anschwimmt, den es so gar nicht mehr gibt, nämlich das Geschichtsnarrativ, mit der Sesshaftwerdung des Menschen habe die Kultur begonnen. Scott weist also mit großer Geste beispielsweise auf Versklavung und Krankheiten hin, die zu den Folgen von Ackerbau, Viehhaltung und Städtebau gehörten, während Parzinger dagegen hält, zum Beispiel dass es Sklavenhaltung auch bei Nomaden gab. Überhaupt will er nicht so begeistert der Konstruktion eines glücklichen Barbarentums folgen, die Scott seinem Empfinden nach hier ausbreitet. Dennoch findet er dieses Buch nicht nur "vorzüglich geschrieben", sondern freut sich auch, dass hier einer im Felde der Frühgeschichte der Menschheit zum "Nachdenken, zur Zustimmung und zum Widerspruch" angeregt hat.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 13.07.2019

Hannes Stein erfährt vom Politikwissenschaftler James C. Scott, wie die Frühgeschichte der Menschheit seiner Ansicht nach aussah. Die herkömmliche Fortschrittsgeschichte stellt der Autor laut Stein auf den Kopf und beschreibt die neolithische Revolution als Katastrophe. Staat und Seuchen setzt er dabei gleich, erläutert Stein, die Barbaren sind bei ihm die Freien und Gleichen. Ob deren Tugenden, Staatsverdrossenheit, Faulheit und Renitenz, nicht die wahren Werte sind, darüber muss Stein nach dem anregenden Buch dieses bäuerlichen Anarchisten erst einmal nachdenken.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.06.2019

Rezensent Thomas Ribi erlaubt sich Widerstand gegen die Staatsmacht, indem er bei Rot über die Straße geht. Eine Übung im selbständigen Denken und Handeln, zu der ihm der Politologe James C. Scott rät. Den Widerspruchsgeist des Autors lernt Ribi in diesem Buch kennen, wenn Scott die Entstehung von Stadtstaaten im 4. Jahrtausend rekapituliert und erklärt, den Nomaden sei es oft besser ergangen als den Sesshaften. Die Heilsamkeit einer Distanz zum Staat kann ihm der Autor tatsächlich vermitteln, wenngleich Ribi auch Einspruch erhebt: Verkehrssicherheit geht vor.

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