Unsere Kernkraftwerke stehen wie Wahrzeichen in den deutschen Flusslandschaften - sie sind bauliche Zeugen einer erbitterten gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung über Energie, Wirtschaft und die Abschätzung von Technikfolgen. Heute, inmitten der Energiekrise, ist dieser Streit aktueller denn je. Nach der nuklearen Katastrophe von Fukushima hat Deutschland 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen: Aber warum sollen nun alle Kraftwerke auf die grüne Wiese zurückgebaut werden? Denn nur etwa 3 Prozent der grauen Energie, die in den gigantischen Baumassen steckt, ist tatsächlich radioaktiv belastet. Dieses Buch bietet einen sachlichen Zugang zur Geschichte der Kernenergie, den eingesetzten Technologien, deren Rückbau sowie zu Denkmalaspekten. Ein Fotoessay des Zeitzeugen Günter Zint dokumentiert die mit ihr verbundene Protestkultur. Gezeigt werden zudem sieben Möglichkeiten der Nachnutzung dieser unbequemen Denkmale - ein Ansatz, der lange nicht für möglich gehalten wurde.
Rezensentin Sophie Jung verfolgt gerne Stefan Rettichs und Janke Rentrops Ausführungen zur Geschichte und Zukunft von Atomkraftwerken. Denn wie bei den beiden Stadtplanern nachzulesen sei, handelt es sich bei den Betonbauten nach wie vor um "umstrittene Orte": Während sie als Energielieferanten in der wirtschaftsstarken Adenauer-Ära noch Hoffnungsträger waren, entwickelten sie sich auch zum Symbol militärischer Bedrohung und von Umweltzerstörung, was wiederum wichtige demokratische Protestbewegungen verursachte, so Jung - die von den Autoren gestellte Frage nach einer "Umdeutung" der Betonbauten in historische Denkmäler sei also keine leichte, zumal die Abschaltung im Kontext der Energiekrise aktuell ohnehin nochmal zur Debatte stehe. Umso besser, dass die Autoren mit ihrem historischen Abriss und ihren Ausführungen zur Architektur und "Ikonografie" der AKWs ausführlich zum Thema informieren, lobt Jung.
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