Zwischen 1918 und 1921 werden in der Ukraine über 100 000 Juden von Bauern, Städtern und Soldaten ermordet, die sie für die Russische Revolution und deren Folgen verantwortlich machen. Ganz normale Bürgerinnen und Bürger berauben plötzlich ihre jüdischen Nachbarn, brennen ihre Häuser nieder, zerreißen ihre Tora-Rollen, missbrauchen sie sexuell und töten sie. Der Holocaust-Historiker Jeffrey Veidlinger hat diese Welle genozidaler Gewalt rekonstruiert, bei der ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen alle zu demselben Ergebnis kamen - dass die Ermordung von Juden eine akzeptable Antwort auf ihre Probleme sei... Anhand von lange vernachlässigtem Archivmaterial, darunter Tausende neu entdeckte Zeugenaussagen, Prozessakten und offizielle Anordnungen, zeigt der Historiker Jeffrey Veidlinger, warum die Pogrome in Osteuropa eine Art Vorgeschichte des Holocaust bilden.
Rezensent Klaus Hillenbrand ist schwer beeindruckt von Jeffrey Veidlingers Buch über die Vorgeschichte des Holocaust in der Ukraine, nämlich über die "notorischen" Pogrome, die dort schon zwischen 1918 und 1921 an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden. Ein "Bild des Horrors" entwerfe der US-amerikanische Historiker und Judaist dabei: So wurden die Juden, nachdem der ersehnte Neuanfang der Ukrainischen Volksrepublik nach der Abdankung des Zaren scheiterte, von mehreren sich um das Gebiet streitenden Parteien verfolgt, wie Hillenbrand liest: Die Truppen der Weißen Armee warfen ihnen Unterstützung der Bolschewisten vor, die Bolschewisten wiederum verteufelten sie als Kapitalisten, und beides diente als Rechtfertigung brutalster Massaker an ganzen Dörfern, resümiert Hillenbrand. Diese Zusammenhänge darzulegen und aus ihnen heraus zu erklären, warum sich auch die restliche ukrainische Bevölkerung damals an den Pogromen beteiligte und später während der deutschen Besatzung den Nazis "bereitwillig" zur Seite stand, hält der Kritiker für eine "bahnbrechende" Leistung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2022
Rezensent Stephan Speicher schätzt Jeffrey Veidlingers "große Leistung", ein schreckliches Kapitel aus der jüdischen Geschichte noch vor dem Holocaust in "gefasstem Ton" zu beleuchten: Die zahlreichen Pogrome, geschätzt rund 1000, die im ukrainischen Grenzgebiet zwischen 1918 und 1921 an der jüdischen Bevölkerung verübt wurden; in einer komplizierten Gemengelage der ständig neuen Machtverhältnisse zwischen Polen, der Ukraine und den Bolschewiki, wie Speicher erklärt. Dabei arbeite der Professor für Geschichte und Judaistik an der University of Michigan vor allem heraus, dass die Juden oft mit den Bolschewiki in Verbindung gebracht wurden, lernt Speicher. Außerdem führe Veidlinger einen Stadt-Land-Konflikt als Grund für die Teilhabe der ländlichen Bevölkerungen an den Pogromen an den Juden an, die tendenziell der Stadt zugeordnet wurden, wie der Kritiker liest. Ein "beeindruckendes" Buch, dass über diejenigen Judenmorde informiert, die noch nichts mit Vernichtungslagern und Gaskammern zu tun haben, so Speicher.
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