Schönheit, so meinte man lange zu wissen, habe in der Evolution nichts zu suchen, sei bestenfalls schmückende Zutat oder Handicap beim Kampf ums Überleben. Heute wissen wir: Schönheit ist nicht nur "Äußerlichkeit", sondern verweist auf ein inneres Potential. Weit davon entfernt, lediglich Anpassung zu sein, ist sie ein echter Ausdruck von Individualität. In seinem neuen Buch zeigt der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf, wie eng die natürliche mit der sexuellen Auslese zusammenhängt, bei der Attraktivität die entscheidende Rolle spielt. Seine Schlussfolgerung: Schönheit und Schönheitsempfinden haben klare biologische Funktionen. Schon Tieren müssen wir Ästhetik zubilligen. Und auch die Rolle, die sie in der Evolution des Menschen spielt, bedarf einer radikalen Neubewertung. Die Kunst, so hat der französische Filmemacher François Truffaut einmal gesagt, bestehe darin, mit schönen Frauen schöne Dinge zu tun. Sollte er damit auch die Grundlagen des Ästhetischen beim Menschen beschrieben haben?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.05.2011
Für den Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat der Autor ein Buch über die Freiheit geschrieben. Josef H. Reichholfs Auseinandersetzung mit Darwin zeugt laut Bredekamp von einer großen Portion Liebe des Autors für die Natur, die er anhand unmittelbarer Anschauung (etwa der Form und Funktion von Hirschgeweihen oder von Vogelfedern) als nicht bloß nützlich, sondern auch verschwenderisch schön und theatralisch kennenlernt. Dass Reichholf für seine groß angelegte evolutionsbiologische Untersuchung in den Wald geht, aber auch sprachmächtig fundamentale Fragen formuliert und kritischen Zeitbezug erkennen lässt, indem er etwa den Altruismus verteidigt, freut Bredekamp sichtlich. Die ein oder andere Auslassung oder Detailschwäche findet er angesichts einer solchen Fülle nützlicher Schönheit und ihres "anarchischen Spiels" verzeihlich.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2011
Die Frage, wie die Schönheit des Pfauenschwanzes in ihrem scheinbaren Missverhältnis von Aufwand und Ertrag evolutionsbiologisch zu erklären sei, ist nach wie vor unter Experten umstritten. Josef H. Reichholf unterbreitet in diesem Buch den Vorschlag, mal weniger auf den scheinbaren schönheitswettbewerblichen Luxus zu sehen, als das ganze nüchtern zu betrachten: im Schwanz werden jede Menge Protein und Energie abgelagert, die beim Weibchen in die Geburt und Brutpflege gehen. Das leuchtet dem Rezensenten Helmut Mayer ebenso ein wie in den Grundzügen das meiste im neuen Buch des renommierten Evolutionsbiologieerklärers Reichholf. Am Schönheitsbegriff müsse der Autor vielleicht noch etwas arbeiten (bzw. solle er besser ganz drauf verzichten), manche Naivität grade da, wo es um die Übertragung ins Menschliche geht, besser tilgen. Insgesamt aber Lob für gut verständlichen Einblick in den Stand der Evolutionsbiologie.
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