Der Westen
Eine Erfindung der globalen Welt. 4000 Jahre Geschichte

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN
9783608964707
Gebunden, 688 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von: Andreas Thomsen und Norbert Juraschitz. Unsere Sicht auf die Geschichte besagt, dass der Westen auf den Errungenschaften und Werten des antiken Griechenlands und Roms aufgebaut ist, die während des Mittelalters aus Europa verschwanden und dann in der Renaissance wiederentdeckt wurden. Aber was, wenn das nicht stimmt? Von der Bronzezeit bis zum Zeitalter der Entdeckungen enthüllt die Autorin eine neue Erzählung: eine, die die Jahrtausende globaler Begegnungen und Austauschs nachzeichnet, die das formten, was heute als der Westen bezeichnet wird, während sich Gesellschaften trafen, verstrickten und auseinanderwuchsen. Von der Schaffung des Alphabets durch levantinische Arbeiter in Ägypten bis zur Ankunft indischer Zahlen in Europa über die arabische Welt, zeigt Quinn, dass das Verständnis von Gesellschaften in Isolation falsch ist. Es sind Kontakte und Verbindungen, die den historischen Wandel vorantreiben. Menschen, nicht Völker machen die Geschichte.
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Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.10.2025
Die britische Althistorikerin kritisiert in ihrem Buch, dass die Geschichte des Westens oft auf Athen und Rom reduziert wird, erklärt Rezensent Clemens Klünemann: Diese Fixierung auf zwei "Kultur-Fixsterne" führe zu einem exklusiven, "kulturalistischen Denken", das alles Fremde ausschließt. Quinn schlägt vor, die Perspektive zu wechseln: Was wäre, wenn man die Perserkriege einmal nicht aus Sicht von Athen und Sparta, sondern der des persischen Großkönigs sehen würde? Diese Umkehrungen sind "effektvoll", meint Klünemann und führen dank Quinn zu einer Betrachtung der Widersprüche und blinden Flecken in der westlichen Geschichtsschreibung. Sie kritisiert, dass die heutige Einteilung in Kulturkreise zu einer so gängigen Praxis geworden ist, dass sie wie felsenfeste Wahrheiten daherkommen - diese Kritik ist berechtigt, aber nicht ganz neu, meint der Kritiker. Die Autorin plädiert für eine stärkere Beachtung der Prägung durch anderer Kulturen wie Kleinasien, Ägypten, Persien oder des Fernen Ostens - fair enough, meint der Kritiker, allerdings ist ihm das manchmal ein wenig zu polemisch geschrieben. Außerdem lässt die Autorin eine Errungenschaft des Westens unter den Tisch fallen: die Trennung zwischen religiöser und politischer Sphäre - einen kompetenten "Überblick über die Geschichte der antiken Mittelmeerkulturen" liefert sie dennoch, so der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 29.09.2025
Ein insgesamt starkes, wenn auch nicht in allen Punkten überzeugendes Buch ist diese Arbeit von Josephine Quinn, urteilt Rezensent Martin Huber. Die Althistorikerin möchte die Idee eines einheitlichen Westens dekonstruieren und sie wendet sich zu diesem Zweck der Antike zu. Hubert fasst zusammen, was sie dabei aufzeigt: die vermeintlichen Ursprungsgesellschaften des Westens in Griechenland und Rom waren durch Handelsbeziehungen stets eingebunden in ein breites Netzwerk, das insbesondere in den Nahen Osten und nach Afrika führte, die griechische Demokratie etwa hat viele Vorläufer in diesen Regionen, die römische Wirtschaftsmacht wiederum basierte auf vielfältigen Kontakten zu Afrika. Identitätsdenken gab es damals höchstens gelegentlich und selbst da, wo es auftauchte, ging es nicht um die Behauptung fundamentaler Unterschiede zwischen Menschen. Das kann Hubert alles gut nachvollziehen. Allerdings, wendet er ein, denkt Quinn Geschichte nur von Kontakten zwischen einzelnen Menschen her und übersieht dabei die Rolle, die kollektive Strukturen auch bei der Etablierung eines Begriffs des Westens, wie wir ihn seit dem 19. Jahrhundert kennen, gespielt haben. Insofern kann Quinn, glaubt Hubert, den Westen nicht gar so gründlich dekonstruieren, wie sie selbst es glaubt. Dennoch ist ihr Buch, so das Fazit, definitiv lesenswert.