Am 17. Juni, Tag der Deutschen Einheit, wurde ich geboren. Ich blieb das einzige Kind. Am 2. Juni 1967 saß ich im Trikot des Kinderballetts vor der Tagesschau. Benno Ohnesorg war erschossen worden. Ich schlug meinem Vater während der Meldung auf's Knie: Papi, wenn ich groß bin, erschieß ich dich auch. 1977 schenkte mir meine Großmutter, Fließbandarbeiterin in einer Fabrik für Babybadewannen aus Plastik, zum Abitur 1.000 DM.1989 stand ich in der Oper Duisburg zum letzten Mal als Tänzerin auf der Bühne. Eine wichtige und schüchterne Verlegerin saß im Publikum und meinte: Sie könnten auch mal einen Roman schreiben, Judith. Am 17. Juni 2024 steht der Titel für meinen neuen Roman fest. Und ich weiß, ab jetzt habe ich noch zwanzig grandiose Sommer vor mir - oder?"
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 31.08.2024
Judith Kuckart ist Tänzerin, Regisseurin und Schauspielerin, weiß Rezensentin Cornelia Geißler und alle drei Berufe kommen auch in diesem autobiografisch inspirierten Roman zur Geltung: Die Protagonistin heißt ebenfalls Judith und erzählt zwischen zwölf Gesprächen in der Kantine eines Opernhauses von Erinnerungen an ihr Leben zwischen RAF-Terrorismus in den Nachrichten, Mauerfall und dem Tod der Eltern. "Einen melancholischen Grundton" schlagen vor allem die Erzählungen vom alternden Vater an, aber auch von einer Vergewaltigung wird erzählt - und dennoch gibt dieser überzeugende Roman die Hinwendung zum Leben nicht auf, versichert Geißler.
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