Mit 43 Abbildungen. Julia Schneidawind rekonstruiert die Überlieferungsgeschichte deutsch-jüdischer Privatbibliotheken. Während eine nicht bezifferbare Masse an jüdischem Buchbesitz durch Raub, Verfolgung, und Krieg nach 1933 unwiederbringlich zerstört wurde, sind heute wenige Sammlungen über die Welt verstreut erhalten geblieben. So befindet sich die Sammlung Franz Rosenzweigs (1886-1929) heute in Tunesien; die Bibliothek Karl Wolfskehl (1869-1948) zwischen Jerusalem und Deutschland; die Sammlung Jakob Wassermann (1873-1934) in Nürnberg: die Bücher des Schriftstellers Stefan Zweig (1881-1942) zwischen Salzburg, London und Petrópolis in Brasilien sowie die Bibliothek Lion Feuchtwangers (1884-1958) in Los Angeles. Folgt man den Spuren der Sammlungen von ihrem Entstehungskontext an ihre heutigen Verwahrungsorte, eröffnen sich wichtige Erkenntnisse mit Blick auf die Frage nach Translokation materieller Kultur, aber auch dem Nachwirken deutsch-jüdischen Büchererbes heute in unterschiedlichen Räumen und Kontexten. Julia Schneidawind ist nicht auf eine einzelne Sammlung beschränkt, sondern kann durch die exemplarische Gegenüberstellung auch die geographische Überlieferungsbreite sowie die Diversität der Überlieferungswege der Privatbibliotheken aufzeigen. Auch die Diskrepanz mit Blick auf die Wahrnehmung, welche die Sammlungen an ihren unterschiedlichen Verwahrungsorten heute als deutsch-jüdisches Büchererbe erfahren, kommt in der synoptischen Darstellung zum Ausdruck. Zudem hat Schneidawind erstmals die Sammlungen Franz Rosenzweig in Tunis einer Bestandsaufnahme vor Ort unterzogen sowie die Überlieferungsgeschichte der Bibliothek anhand von Quellenmaterial rekonstruiert. Auch die Bibliothek Jakob Wassermanns wurde von der Autorin erstmals inhaltlich sowie mit Blick auf die Rezeptionsgeschichte untersucht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2024
Rezensent Wolfgang Matz folgt mit Spannung den schicksalsreichen Wegen der Bibliotheken deutsch-jüdischer Autoren in Julia Schneidawinds Buch. Franz Rosenzweig oder Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig oder Jackob Wassermann - Schneidawind hat nicht nur eine überzeugende Auswahl getroffen, findet Matz, sie folgt den unterschiedlichen Wegen der Bücher und Menschen über den Globus auch mit Sinn für Hintergründe und Vorgeschichten. Ein Gewinn für Biografen und Erforscher der deutsch-jüdischen Geschichte, meint Matz.
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