Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2001
Raul Zelik kann dieses Buch durchaus empfehlen - jedoch sollte der Leser nicht erwarten, einen "Gesamtüberblick" über die (Sub-)Kulturszene in Belgrad zu erhalten. Doch die "Mosaiksteine", die die Herausgeberin hier zusammen getragen hat, findet Zelik überaus aufschlussreich, weil die Interviews seiner Ansicht nach deutlich machen, wie das Verhältnis von Sub- bzw. Popkultur und Nationalismus sich schon in den achtziger Jahren entwickelte, was nicht zuletzt zum Verständnis dessen beitrage, "was heute im ehemaligen Jugoslawien passiert". Zelik macht dies an zahlreichen Beispielen nachvollziehbar, etwa wenn er darauf hinweist, dass die populäre Sängerin Ceca Velickovic mit dem Anführer der 'Serbischen Freiwilligengarde' verheiratet oder dass der Paramilitär 'Arkan' gleichzeitig Präsident des ehemaligen jugoslawischen Fußballmeisters war. Zwar räumt Zelik ein, dass Diefenbachs Gesprächspartner nicht "repräsentativ für die jugoslawische Gesellschaft" sind, doch das tue der Qualität dieses Bandes insgesamt keinen Abbruch.
Hochaktuell erscheint Rüdiger Rossig dieser Interviewband mit Exiljugoslawen, die sich alle mehr oder weniger dem linken Spektrum zurechnen. In den Gesprächen geht es laut Rossig vor allem um die Frage, wie Jugoslawien sich in den vergangenen vierzig Jahren von einer multikulturellen Nation zu dem "ethnonationalen Hexenkessel" von heute entwickeln konnte. Dabei werde die weltoffene Atmosphäre der 60er Jahre wieder fühlbar, so der Rezensent. Später hätten jedoch die kommunistischen Machthaber zwecks Ausschaltung der Opposition die Bevölkerung in Nationalitäten aufgesplittet - ein Umstand, den sich die von der Funktionärskaste instrumentalisierten Nationalbewegungen zunutze gemacht habe. Insgesamt beschleicht Rossig der Verdacht, dass der Ethnonationalismus Jugoslawiens gar keine so antagonistische Entwicklung im europäischen Kontext darstellt, sondern vielmehr eine weitere postmoderne Variante des Populismus à la Haider, Le Pen oder Berlusconi bedeutet und uns Westeuropäern damit viel näher ist als allgemein vermutet.
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