Kirsten Fuchs

Die Titanic und Herr Berg

Roman
Cover: Die Titanic und Herr Berg
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005
ISBN 9783871345319
Gebunden, 286 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Eine junge Frau verliebt sich in einen nicht mehr jungen Mann - daraus folgt, heftige Funken sprühend, der Zusammenstoß zweier Welten und Wahrnehmungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie ist voller Phantasie, die das Leben verklärt, doch das ändert nichts an ihrer Einsamkeit. Und daran, dass sie Sozialhilfe empfängt. Er hat als Sachbearbeiter im Sozialamt eine Überdosis Wirklichkeit abbekommen. Privat läuft nichts mehr, zweimal getrennt, Tochter und Sohn sieht er sporadisch, nie wieder will er eine Beziehung eingehen. Als sie ihren Sachbearbeiter zum ersten Mal sieht, steht fest: er ist ihr Mann.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.01.2006

Das hätte ganz groß werden können, meint Uwe Stolzmann. Schließlich verfüge Kirsten Fuchs über beachtlichen Sprachwitz, den der Rezensent bei ihren Lesungen schätzen gelernt hat. In dem Roman wird aus zwei sorgsam getrennten Perspektiven - von Tanja, einem Heimkind, das Zuflucht und Zuwendung im Sex sucht, und von Herrn Berg, einem Sozialamtssachbearbeiter -, eine Liebesgeschichte erzählt. Auf dem Amt lernen die beiden sich kennen, und sofort empfindet sie Mitleid mit seinem verkümmerten Sein. Ihre Annäherung schildere Fuchs "erotisch derb" und in ausgesucht-komischen Bildern und in einem "unverwechselbaren Stil". So weit so gut. Doch leider gleite der sprachliche Humor "regelmäßig" in den "Kalauer" ab, moniert Stolzmann, "irgendwann fehlen Kraft und Luft". Das Spiel mit den ins Ironische gewendeten Versatzstücken der Alltagssprache, das übermütige Jonglieren - das geht nicht immer gut, manchmal "entgleiten" Fuchs die "abgegriffenen Wendungen", die sie verwendet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2005

Als eines der erstaunlichsten und gewagtesten Debüts dieses Herbstes feiert Rezensent Martin Halter diesen Roman. "Jeder Satz knallt und bumst und brennt," gibt er atemlos zu Protokoll über diese Geschichte, die einen Sozialamtsmitarbeiter und eine seiner Klientin paart. Zwar hat er auch einige "Kinderkrankheiten" zu bemängeln. Doch was dieses Debüt über eine "asymmetrische folie a deux" für ihn so aufregend macht, ist weniger der Plot als die Sprache: eine Mischung aus Witz, Drastik und Zärtlichkeit (auch wenn man sich bei Zitaten wie "Sie Loch, ich Stöpsel - paßt." fragt, wo genau die Zärtlichkeit bleibt). Kirsten Fuchs wisse, wie man die Leser packen müsse, schreibt Halter beeindruckt, nämlich "mit mädchenhaft verspieltem Griff unter die Gürtellinie". Allerdings stellt er auch fest, dass Fuchs' drastische Erotik beim Vortrag besser funktioniert als bei der Lektüre daheim. Da gerät er doch manchmal ganz schön ins Frösteln. Trotzdem entnehmen wir seiner Kritik: unbedingt lesenswert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.11.2005

Volker Breidecker ist erfreut. Eine Autorin, die über Sex schreiben kann! Von keiner Schreibhochschule "verdorben"! Kirsten Fuchs, informiert der Rezensent, ist gelernte Tischlerin und seit Jahren aktives Mitglied der Berliner Lesebühnen, wo sie, so vermutet Breidecker, ihren unnachahmlichen Sound entwickelt hat. Den auf 300 Seiten durchzuhalten, falle der Autorin in ihrem Debüt ab der Mitte merklich schwerer, gesteht Breidecker. Aber trotz alledem sei "Die Titanic und Herr Berg" ein wahres Paradestück, das aus wechselnden inneren Monologen, besteht, graphisch deutlich voneinander abgesetzt, die eine junge Frau namens Tanja und ein Herr Berg miteinander führen. Tanja hat beim Sozialamt Sex beantragt, Herr Berg ist ihr zuständiger Sachbearbeiter und natürlich landen beide miteinander im Bett. Was dort geschieht ist nicht das, was sich in ihren Köpfen abspielt, und so kommt es zu absurden "Kollisionen und Karambolagen zwischen der Titanic und ihrem Eisberg", fasst Breidecker zusammen. Der Roman sei auf schamlose und nette Weise obszön, ohne je pornografisch zu werden, jubelt er. Zum Obszönen gehöre nämlich im Gegensatz zum Pornografischen die Verbindung aus Drastik und Komik, versichert Breidecker. Und das beherrscht Kirsten Fuchs offensichtlich einwandfrei.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2005

Auch wenn sie die Idee hinter der Geschichte wenig überzeugend findet, fühlt sich die Rezensentin Kirsten Riesselmann von diesem Debütroman der taz-Kolumnistin und "Open Mike"-Gewinnerin 2003 Kirsten Fuchs gut unterhalten. Fuchs mache "aus den schalen Zutaten ganz lässig und herrlich sprachmanschettenlos eine interessante Angelegenheit". Die Autorin kann sie zwar nicht überzeugen, warum sich ihre inkompatiblen Protagonisten ausgerechnet in eine Affäre verheddern müssen. Interessant sind sie für den Leser nach Riesselmanns Meinung dennoch. Auch stilistisch gefällt ihr die Geschichte. Der nüchterne, gerade Satzbau kontrastiere mit einer "verspielt" bildhaften Sprache und schaffe so ein interessantes Spannungsfeld.
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