Verfassungen haben eine symbolische Funktion. In sorgfältig konzipierten Prachtausgaben eines Grundgesetzes kommt diese Symbolik besonders zum Ausdruck - ihre Gestaltung verrät viel über die Natur und Ideologie des gegebenen Regimes.
Unter diesem Gesichtspunkt vergleicht László Sólyom, Verfassungsrechtler und ehemaliger Staatspräsident Ungarns, das deutsche Grundgesetz und das neue Grundgesetz Ungarns. Während die deutsche Grundgesetz-Ausgabe in ihrer Schlichtheit den Bruch mit der Vergangenheit ausdrückt und durch den puren Gesetzestext die Herrschaft des Rechts betont, ist die ungarische Prachtausgabe ein historisches Bilderbuch, das vor allem auf die Weckung von Nationalstolz zielt, und in dem der Text des höchsten Gesetzes des Landes eine Nebenrolle spielt. Obwohl das ungarische Grundgesetz seitdem ziemlich umfangreich geändert wurde, wird zu seiner Popularisierung weiterhin die originale Prachtausgabe gedruckt und verteilt. Die mit dieser Ausgabe angestrebte Symbolwerdung der Verfassung scheitert also, die Prachtausgabe ist nun höchstens das Symbol der symbolschaffenden Absicht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2017
Stephan Löwenstein passt die Form nicht von Laszlo Solyoms polemischer Kritik an Ungarns Verfassung unter Orban. Auch wenn er den Autor für einen glaubwürdigen Kritiker Orbans hält, der interne Kenntnisse mit klugen Beobachtungen zu verbinden weiß - für unbefangen hält er den Autor indes nicht. Die Form eines Pamphlets hätte besser zu Solyoms liebevoll boshafter Behandlung von Orbans Verfassungsbarock gepasst als der vorliegende fußnotenstarke Traktat, findet der Rezensent.
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