An einer Umbruchstelle im Leben wird Lea De Gregorio verrückt. Zu viele Gedanken drehen frei in ihrem Kopf, zu viele Fragen rasen ihr durchs Herz, der Schlaf bleibt aus. Und es folgt, was hierzulande nun mal vorgesehen ist: die Behandlung in der Psychiatrie. Doch geht der Heilung die Entmündigung voraus. Hier bestimmen, entscheiden, sprechen andere für sie. Muss sie sich dieser althergebrachten Ordnung tatsächlich fügen, damit alles besser wird? Oder sie erst recht in Frage stellen? Eine Suche nach grundlegenden Antworten beginnt, sie führt sie an tabuisierte Orte der Geschichte, in unsere Sprache, die Philosophie und schließlich in den Kampf. Gegen Ausgrenzung und Diskriminierung von Verrückten, einer viel zu lange übersehenen Minderheit.Lea De Gregorio entlarvt die tradierten Ungerechtigkeiten in unserem Denken, Fühlen, Handeln. Unter Verrückten sagt man du leistet dringend notwendige Psychiatrie- und Gesellschaftskritik.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2024
Der Arzt Philipp Sterzer möchte seinen ausführlichen Text zu Lea de Gregorios Buch "Unter Verrückten sagt man du" ausdrücklich nicht als Rezension verstanden wissen. Denn zu einem wertenden Kommentar sieht er sich nicht in der Position: De Gregorios Buch ist eine wütende, mit persönlicher Erfahrung und zahlreichen Argumenten unterfütterte Anklage gegen das psychiatrische System. Sterzer kommt von der anderen Seite. Er ist Neurowissenschaftler und Psychiater und hat ebenjene bedeutende psychiatrische Klinik geleitet, die de Gregorio exemplarisch kritisiert. Sterzer sieht sich daher in einer schwierigen Doppelposition. Tendenziell pflichtet er der Autorin, die sich gegen die Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen und gegen Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie wendet, bei. Auch ihrer Analyse historischer Verflechtungen kann er zustimmen. Dennoch steht er auf der dominierenden Seite jener Hierarchie von Patient:innen und meistens männlichen Psychiatern. Und so kann Sterzer "Unter Verrückten sagt man du" nur als wichtigen Debattenbeitrag einer möglichst breiten Öffentlichkeit zur Lektüre empfehlen, denn sie sollten sich des wichtigen Themas der Entstigmatisierung von Menschen mit Psychiatrieerfahrung und der notwendigen Verbesserung des psychiatrischen Systems nicht verschließen, so der sympathisierende Leser, wenn auch nicht Rezensent.
Rezensent Ulrich Gutmair kann von Lea de Gregorio einiges über das Verrücktsein lernen: In ihrem Buch versucht sie, sich den Begriff wieder anzueignen, sie hat selbst einen Psychiatrieaufenthalt hinter sich, der geprägt war von Macht und Hierarchien. In ihrem intelligenten und immer wieder auch lustigen Buch macht sich die Autorin Gedanken darüber, was die Stigmatisierung von Menschen bedeutet, die etwa als Reaktion auf eine Gewalterfahrung ein seelisches Leiden entwickeln und was das mit dem Nationalsozialismus und dem Sozialdarwinismus zu tun hat. Sie regt damit auch Gutmair an, darüber nachzudenken, was normal und abnormal eigentlich bedeutet und wieso diese wertende Unterteilung ziemlich überflüssig ist, spätestens, wenn man bei der Lektüre lernt, dass jede vierte Person in Deutschland einmal im Leben eine psychische Erkrankung aufweisen wird.
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