"Feigling", "Verräter", "Kameradenschwein" - das sind die Schimpfnamen, mit denen Deserteure teilweise heute noch belegt werden. In der Zeit des Nationalsozialismus war jeglicher Entziehungsversuch aus der Deutschen Wehrmacht mit dem Tode bedroht. Deserteure und Selbstverstümmler wurden als "Volksverräter" von der Wehrmachtsjustiz gnadenlos verfolgt. Ihre Weigerung, für Hitler in den Krieg zu ziehen, blieb aber im Nachkriegsösterreich unbedankt. Wer waren die Menschen, die sich dieser Gefahr ausgesetzt hatten? Das Buch spürt den unterschiedlichen Motivationen nach, die den Entziehungen zugrunde lagen, und dokumentiert anhand von Quellen die teilweise abenteuerlichen Fluchtverläufe. Auch die Verfolgung der Deserteure und Selbstverstümmler durch die NS-Militärgerichtsbarkeit und der bislang wissenschaftlich kaum erforschte brutale Strafvollzug der Deutschen Wehrmacht wird ausführlich analysiert. Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Situation der Deserteure und Selbstverstümmler im Nachkriegsösterreich. Wer als Deserteur den Krieg überlebte, hatte nach 1945 mit massiven Anfeindungen und Diskriminierungen zu kämpfen. Das Weiterwirken nationalsozialistischer Feindbilder und die mangelhafte Vergangenheitsbewältigung machte diese "ungehorsamen" Soldaten in Österreich zu gesellschaftlichen Außenseitern, deren Geschichte und Leiden weitgehend in Vergessenheit geraten ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2004
Recht angetan zeigt sich Hans-Jürgen Döscher von Maria Fritsches "gut lesbaren Buch" über Österreichische Deserteure und die deutsche Wehrmachtsjustiz. Wie er berichtet, hat die Autorin dazu Feldgerichtsakten ausgewertet und überlebende Deserteure befragt. Die Schwerpunkte der Untersuchung bilden laut Döscher die teilweise "abenteuerlichen Entziehungsversuche" österreichischer Soldaten, ihre Motive und das soziale Umfeld "zwischen Unterstützung und Verrat", die Wehrmachtsjustiz und deren Strafvollzug sowie Feindbilder und Vorurteile. Eine "kritische Analyse" der jahrzehntelangen Diskriminierung "ungehorsamer" Soldaten im Nachkriegsösterreich runde die Studie ab. Die Gründe für die noch ausstehende Rehabilitierung und das Zögern, Deserteure als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung anzuerkennen, so der Rezensent, sehe die Autorin in der "mangelnden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Österreichs".
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