Die neue vierbändige Auswahlausgabe ist weniger biografisch an der Entwicklung von Luthers Theologie orientiert als an der vom "Ereignis Luther" erzielten Wirkung: Sie rückt seine "reformatorische" Schriftstellerei, nach Themen geordnet, in jenen Dimensionen in den Vordergrund, die für die Veränderung des bestehenden Kirchenwesens folgenreich und für den Aufbau eines evangelischen Kirchentums dauerhaft prägend geworden sind. Die Textgestaltung will, soweit nicht lateinische Schriften ins Hochdeutsche übersetzt werden, den originalen Sprachklang erhalten: In Wortschatz, Laut- und Formenstand wird der Text der Weimarer Lutherausgabe unverändert beibehalten. Behutsame orthografische Modernisierungen dienen als Lesehilfe. Der dritte Band "Kirche und Schule" enthält: Invocavit-Predigten (1522) - Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen (1523) - Von Ordnung Gottesdiensts in der Gemeinde (1523) - Sendbrief an eine christliche Gemeinde der Stadt Esslingen (1523) - An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie Schulen aufrichten und halten sollen (1524) - Deutsche Messe und Ordnung Gottesdiensts. Vorrede (1526) - Eine Predigt, dass man Kinder zur Schule halten soll (1530) - Von den Konziliis und Kirchen (1539)
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2016
Noch ein Luther?, fragt Markus Wriedt bange. Seine Befürchtungen werden allerdings nicht bestätigt, denn die von den beiden renommierten Luther-Forschern Thomas Kaufmann und Albrecht Beutel herausgegebene vierbändige Schriften-Ausgabe findet der Rezensent selbst im Vergleich mit der alten fünfbändigen Insel-Edition durchaus respektabel. Das liegt für Wriedt an der Beschränkung auf vierzig Schriften des Wittenbergers, an zurückhaltender orthografischer Modernisierung, einem scharfen Schriftbild und der weitgehend authentischen Wiedergabe von Luthers Sprache. Darüber hinaus überzeugen den Rezensenten Kommentar, Anmerkungen zur Forschung und Literaturhinweise sowie die "handliche" Aufbereitung der Texte. Dass die Herausgeber mit ihrer Auswahl verstärkt die Debatten des 21. Jahrhunderts mit Luthers Texten zu konfrontieren trachten, scheint Wriedt nur angemessen. Eine schöne, wenngleich nicht ganz preiswerte Leseausgabe, so sein Fazit.
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