Matthias Göritz

Der kurze Traum des Jakob Voss

Roman
Cover: Der kurze Traum des Jakob Voss
Berlin Verlag, Berlin 2005
ISBN 9783827006097
Gebunden, 213 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Achtziger Jahre, irgendwo im Norden Deutschlands, auf dem Lande: Dem Jungen Nicki reißt die Fahrradkette, und er rast die Dorfstraße hinunter auf die viel befahrene Bundesstraße zu. So furios beginnt die Geschichte eines besonderen Tages, des Jubiläumsfestes der Geflügelfarm, die sein Vater Jakob Voss ein Jahr zuvor auf einem alten Hof gegründet hat. Nicki fiebert dem Abend seit langem entgegen. Er weiß um die finanziellen Nöte des Vaters, die Spannungen zwischen seinen Eltern, und er ahnt, dass sich ihr Schicksal an diesem Abend entscheiden wird. Heimlich besucht er das Fest. Ohnmächtig muss der Junge mit ansehen, wie der charismatische Vater zum Opfer seiner eigenen sozialutopischen Unternehmerträume wird. Nicki wird Zeuge eines dramatischen Geschehens, in das er wie in einen Rausch gerät - und das er nicht anhalten kann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.12.2005

Hauke Hückstedt berichtet recht eingenommen von Matthias Göritz' Debütroman. Als Bürgermeister gescheitert, gründet der Vater des jugendlichen Nicks in der Provinz eine Geflügelfarm, ein "sozialutopisches Reformprojekt", das letztlich durch eine Seuche scheitert und in den finanziellen Ruin führt. In diese Handlung eingebettet ist die Geschichte des pubertierenden Nicholas, den Hückstädt "auf der Suche nach dem eigenen Erwachsenensein die Lebenswirklichkeiten der ländlichen Provinz" erkunden sieht. Diese Art "Pubertätsdekor mit all seinen durchschnittlichen Jugendzimmer-Applikationen" hätte der Autor durchaus weglassen können, findet der Rezensent. Doch es hält ihn nicht davon ab, die Beobachtungswut und den Erfindungsehrgeiz dieses einnehmend kühnen "Romans der Desillusionierungen" über die "letzte Blütezeit der Bundesrepublik" zu würdigen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.11.2005

Wer Matthias Göritz' Roman liest, läuft Gefahr, zum Vegetarier zu werden, warnt Rezensent Gerrit Bartels. Der Autor beschreibt in seiner Geschichte nämlich akribisch den Alltag auf einer Geflügelfarm, und da kommen blutige Schlachtdetails nicht zu kurz. Dennoch: Das Buch scheint nur auf den ersten Blick ein Roman zur Vogelgrippe zu sein. Trotz gewisser Parallelen geht es nämlich nicht um den "Irrwitz" aus Tamiflu und Pandemie, sondern um einen Mann, der auf seiner Geflügelfarm einen basisdemokratischen Traum verwirklichen will: Alle Arbeiter sollen am Gewinn beteiligt sein. Weil das Ganze aus der Sicht des Sohnes erzählt wird, steht hinter der Geschichte - und das gefällt dem Rezensenten noch besser - eine Erzählung über eine Jugend auf dem Land in den achtziger Jahren. "Solide erzählt" ist diese, "hübsch einfühlsam und voller Lokalkolorit", lobt er. Da stört es auch kaum, dass Göritz die Achtziger zu stark "mit typischen Requisiten und Musiktiteln heraufzubeschwören" versucht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2005

"Bemerkenswert" findet Rezensent Wolfgang Schneider diesen Debütroman, der aus seiner Sicht eine Welthaltigkeit aufzuweisen hat, die ihm in den sonstigen Romanen, die eine Jugend in Westdeutschland aufarbeiten, fehlen. Der Titel klinge wie von Fassbinder, und tatsächlich sieht Schneider in diesem Roman über Aufstieg und Fall des Begründers eines Geflügelimperiums in der Wirtschaftswunderjahren Parallelen zu Fassbinderfilmen. Oft wird er aber auch an David Lynch erinnert. Fasziniert zeigt sich der Rezensent auch von den drastischen Schilderungen aus Mast- und Tötungsbetrieben. Eine beschriebene Entenseuche sorgt inklusive der sie bekämpfenden Männer in Schutzanzügen für aktuelle Vogelgrippen-Assoziationen. Gelegentlich entdeckt der Rezensent auch kleine Fehler, wie missglückte Formulierungen oder Brüche in der Perspektive. Auch die kompositorische Entscheidung, die Ereignisse fast ausschließlich "zusammengedrängt auf einen Tag" zu erzählen, findet der Rezensent nicht rundherum glücklich. Trotzdem betrachtet er das Buch insgesamt als gelungen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.10.2005

Rezensent Michael Braun ist kein Freund von "hedonistischen Pop-Autoren" und zum Glück für Matthias Göritz hebe sich dieser Roman wohltuend von solchen Produkten der "Egozentrik" ab. Braun stellt den Vergleich und diese Frage ausdrücklich in den Raum, da auch "Der kurze Traum von Jakob Voss" einer von gegenwärtig allzu vielen autobiografischen Kindheitsromane sei. Sowohl durch seine an Johnsons "Mutmaßungen"-Roman erinnernde Erzähltechnik als auch durch seine nicht um "Authentizität bemühte" Haltung unterscheide sich Göritz? Kindheitsroman aber von der Konkurrenz. Aus der Sicht des jugendlichen Nicholas Voss, so Braun, würden dessen pubertäre "Träume und Alpträume" erzählt, in einer Art "novellistischer" Finalhandlung aber auch die große Katastrophe seines Vaters Jakob Voss, dessen Geflügelfarm von einer Seuche heimgesucht wird. Mit dem Vater und Nicholas? Reihenhaussozialisation gebe Göritz zudem ein "mentalitätsgeschichtliches Porträt" der Bundesrepublik zu einer Zeit, als man noch ohne ökologische oder tierschützerische Skrupel an die Zukunft glauben konnte. Hinter den heimeligen norddeutschen Backsteinfassaden in Göritz? Romangegenwart lauere jedoch, versichert der Rezensent, erst einmal ganz schön die "Eiszeit".
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