Mit der Bildung einer ÖVP/FPÖ-Regierung am 4. Februar 2000 wurde Österreich ruckartig aus der Lethargie eines erstarrten Systems gerissen. Was folgte, war ein Hysterisierungsprozess, der das ganze politische System und weite Teile der Öffentlichkeit erfasste. Unter Mitwirkung eines rigorosen Moralismus wurde innerhalb kürzester Zeit ein Klima der permanenten wechselseitigen Empörung geschaffen. Zugleich entfaltete der Hysterie-Schub eine Zeitraffer-Wirkung: Der Jahrhundert-Kampf um die österreichische Identität wurde innerhalb weniger Monate noch einmal gekämpft. Die Opfer waren erheblich, und es gibt nach wie vor einen Vermissten: den intellektuellen Diskurs. Der Essay zeichnet die Entwicklungen des ersten "Wendejahres" nach und befragt die historischen Parallelen, die in der Auseinandersetzung eine zentrale Rolle spielen - "Wehret den Anfängen", "Widerstand", "Österreich, das erste Nazi-Opfer", "Ständestaatliche Organisation" -, auf ihre Plausibilität. Und gibt auf diesem Weg eine Art "Frontbericht" vom neu ausgebrochenen Kampf um die Deutungshoheit in Fragen der Geschichts- und Sozialwissenschaften.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 05.02.2001
Roland Schönbauer betont ausdrücklich, dass der Autor die Wende in Österreich, also die Beteiligung der FPÖ an der österreichischen Regierung, "kritisierenswert" findet. Dennoch gehe der Autor - was Schönbauer sehr begrüßt - nicht nur mit den FPÖ-Populisten ins Gericht, sondern auch mit deren Gegnern. Fleischhacker diagnostiziert im Ungang mit diesem Wahlergebnis - nicht nur in Österreich, sondern europaweit - eine Neurose bzw. Hysterie. Was Österreich betrifft, so sieht der Autor, wie Schönbauer erläutert, tiefgehende Ursachen in den "hysterischen" Reaktionen, die seiner Ansicht nach vor allem im Selbstverständnis der Österreicher nach dem Zweiten Weltkrieg wurzeln, in einer mangelnden Aufarbeitung der Geschichte, die auch durch die Waldheim-Diskussion 1986 nie wirklich gelungen sei. Allerdings sehe Fleischhacker auch an den derzeitigen Reaktionen Intellektueller und Schriftsteller auf die FPÖ keinen wirklich konstruktiven Beitrag. So halte er die "leichtfertigen NS-Vorwürfe und Analogien" für heikel, ebenso wie die prekäre Verwendung des Begriffs "Widerstand". Schönbauer hält es für die größte Stärke dieses Buchs, dass der Autor aufzeige, inwiefern sich bei einer Debatte nach "eingefahrenen Schemata" auch Kritiker der FPÖ kaum merklich zu deren Partner machen. Deshalb empfiehlt der Rezensent das "ideologiefreie, anti-dogmatische, anspruchsvolle" Buch vor allem denjenigen Kritikern der Wende, die in ihrer Haltung "besser werden wollen".
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