Aus dem Englischen von Helmut Reuter. Unsere Gegenwart hat ein Demokratie-Problem. Zum einen sind unsere Gesellschaften gespalten wie nie zuvor: Befeuert durch die sozialen Medien treiben uns rassistische Ausschreitungen, Populismus, soziale Ungleichheit und eine weltweite Pandemie in die Vereinzelung. Zum anderen hat eine global ausgerichtete, von unseren Regierungen vollkommen unregulierte Wirtschaft der Politik den Rang abgelaufen. Seit nunmehr 40 Jahren macht der Neoliberalismus aus Bürgern Gewinner oder Verlierer des globalen Kapitalismus - mit verheerenden Folgen für unsere Demokratie. In seinem monumentalen Werk zeichnet Michael J. Sandel ein historisch informiertes und philosophisch inspiriertes Bild unserer demokratievergessenen Zeit. Und er führt aus, was wir tun müssen, damit aus Konsumenten wieder Bürger werden, die ihre Gesellschaft aktiv gestalten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2023
Rezensent Werner Plumpe liest die erweiterte Neuausgabe von Michael J. Sandels Buch von 1998 mit Gewinn. Nicht nur, dass Sandels Diagnose der veränderten Leitideen der US-Politik in Richtung ökonomischer Effizienzvorstellungen sich noch verschärft hat, der Epilog im neuen Buch erfasst diese Entwicklung laut Plumpe auch anschaulich, etwa mit Hinweis auf die gestiegene soziale Ungleichheit. Sandels Plädoyer für eine Rückeroberung der Souveränität der Politik stößt beim Rezensenten allerdings auf Skepsis. War Politik je souverän? fragt er.
Rezensent Marc Reichwein ist sich gar nicht sicher, ob das Unbehagen in der Demokratie wirklich zugenommen hat oder ob es heute nur besser bewirtschaftet wird. Und er weist darauf hin, dass Michael Sandels Schrift eigentlich aus dem Jahr 1996 stammt, allerdings hat der Harvard Philosoph sie für die amerikanische Neuausgabe aktualisiert. Auch wenn Reichwein mit vielen Überlegungen Sandels zur Entwertung "nationaler Loyalitäten" oder zur Kaperung des Staates durch mächtige Lobbyisten nicht einverstanden ist, liest er das Buch mit Gewinn, was zum einen daran liegt, dass Sandel im Gegensatz etwa zu Thomas Piketty "Klartext" schreibt und dass sich seine Kritik an einer Politik, die sich mehr den Unternehmen verpflichtet zu fühlen scheint als ihren Bürgern, immer anregend liest.
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