Die Europäische Union ist die größte politische Errungenschaft seit dem Zweiten Weltkrieg - und vielfachgefährdet: von nationalistischen Kräften, einer kaumdurchsichtigen Brüsseler Bürokratie, einem Mangel andemokratischer Mitwirkung und der wachsenden Versuchung, die Europäische Idee auf materiellen Wohlstand zu verkürzen. Nicht zuletzt droht die quasi imperialistische Gleichsetzung der Union mit dem gesamten Kontinent. Otfried Höffe entwickelt ein Modell für Europa, das Grundwerte mit kultureller Vielfalt verbindet und seinen Bürgern dienen will.
Teils freundlich, teils kritisch nimmt Carolin Born diesen neuen Band des emeritierten Philosophen Otfried Höffe auf, der ihr einen lehrreichen Ausflug in die Geschichte, eine kräftige Prise Europaskepsis angesichts der aktuellen EU-Institutionen und ein paar allzu dürre Reformvorschläge bietet. Der Reihe nach: Gern liest sie, wie sich dieses Europa seit der Antike bildet - und die griechische Antike, nicht das Christentum benennt Höffe offenbar als das allen Ländern gemeinsame Erbe. Gern folgt sie auch Höffes Ausführungen zur Anziehungskraft des europäischen Projekts, das, so Höffe, die originellste politische Idee der Nachkriegszeit sei. Mit Interesse liest sie auch Höffes Kritik am oft beklagten Demokratiedefizit der europäischen Institutionen. Hier hat nun Höffe selbst auf einmal Angst, als "Anti-Europäer" betrachtet zu werden, beobachtet sie. Seine Reformvorschläge für ein Europa, das von unten kommt, erscheinen ihr allerdings allzu skizzenhaft. Auch den Traum von einer "europäischen Öffentlichkeit" träumt er nicht als erster. Immerhin hofft die Rezensentin, dass eine andere Europäerin die von Höffe formulierten Vorschläge aufnimmt und weiterentwickelt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 18.06.2020
In einer Doppelbesprechung setzt sich Reinhart Wustlich mit neueren Thesen und Einsichten zum Thema Europa auseinander; von beiden Autoren - Görner und Höffe - bekommt er ein klares Plädoyer für eine europäische Zukunft. Höffes systematisierender Zugriff hat ihm sehr eingeleuchtet - in einem ersten Teil die Frage des "politischen Projekts" zu verhandeln, dann Überlegungen zum "kulturellen Reichtum" Europas anzustellen; besonders diesen zweiten Teil findet er "gewichtig." Höffe wende sich energisch gegen die Tendenz, die EU mit Europa zu identifizieren, dagegen biete er ein "Gesamteuropa" zur Diskussion. Der Philosoph Höffe spricht sich aus für eine neue, nicht mehr an den alten nationalen Identitäten orientierte "europäische Bürgeridentität". Während der Kritiker mehrere neuere Aufsätze des Philosophen mit großer Zustimmung zitiert, versäumt er ein wenig, das Spezifische dieses neuen Buches genauer zu verhandeln.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2020
Wilfried Loth versteht Otfried Höffe nicht. Die Europa-Schelte und -Vision des politischen Philosophen bleibt ihm zu sehr in Andeutungen befangen. Wie ein Europa der Bürger genau aussehen soll, von dem der Autor träumt, erfährt Loth im Buch nicht. Das ist schade, meint der Rezensent, denn Höffes Beschreibung europäischer Kulturleistungen findet er kenntnisreich und genau. Aber wird die EU dem wirklich nicht gerecht?, fragt Loth skeptisch. Die "massiven" Vorwürfe des Autors gegen die Union erscheinen Loth beinahe verschwörungstheoretisch.
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