Peter Stamm

Weit über das Land

Roman
Cover: Weit über das Land
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016
ISBN 9783100022271
Gebunden, 224 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Ist es ein neuer Anfang, wenn man alles hinter sich lässt? Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. Jeder kennt ihn: den Wunsch zu fliehen, den Gedanken, das alte Leben abzulegen, ein anderer sein zu können, vielleicht man selbst. "Weit über das Land" ist ein Roman, der die alltäglichste aller Fragen stellt: die nach dem eigenen Leben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2016

Rezensentin Rose-Maria Gropp lobt das versierte Erzählen Peter Stamms. Präzise Perspektivwechsel, lakonische Sätze und eine Pointe, die in der langen Schwebe liegt, haben Gropp überzeugt von diesem kleinen Roman über einen verschüttgehenden Familienvater. Oder über dessen zurückbleibende Frau, da ist sich Gropp nicht so sicher. Sicher aber scheint ihr, dass der Autor hier einen unerwarteten Möglichkeitsraum eröffnet, in dem ein braver Sachbearbeiter einfach verschwindet und eine eigentlich patente Frau sich damit arrangiert. Das ist seltsam, meint Gropp, aber auch spannend.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.04.2016

Mit "Weit über das Land" hat Peter Stamm möglicherweise seinen bisher kompliziertesten Roman geschrieben, befindet Rezensent Christoph Schröder. Und das steht ihm richtig gut, fährt der Kritiker fort, der hier Stamms Kunst der indirekten Psychologie brillant mit seinem nüchtern-dokumentarischen Ton verbunden sieht. Unter dieser Oberfläche eröffnet sich dem Rezensenten ein dicht gewebtes Netz der Möglichkeiten, reale und imaginierte Ereignisse wechseln einander ab, so dass Schröder während der Lektüre bald ein nicht genau zu benennendes Unbehagen erfasst. Erzählt wird die Geschichte von Thomas, der seine Familie plötzlich wortlos verlässt und Astrid, seiner Frau, die sein Verschwinden im normalen Tagesablauf kaum bemerkt, informiert der Rezensent, dem Stamm hier einmal mehr als Meister des "doppelbödigen" Alltags erscheint.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.04.2016

Cornelia Geissler übersieht nicht das Augenzwinkern, das Peter Stamm ihr zusendet, während sie die Geschichte eines Familienflüchtigen liest. Dass ein Familienvater einfach so verschwinden kann, vermag ihr der Autor glaubhaft zu vermitteln, als Normalität geradezu, staunt Geissler. Dabei geht der Autor seinen Figuren nicht sehr tief unter die Haut, meint sie, und gibt dem Leser nur Anhaltspunkte für ihre Motive. Wie Stamm hier am Lack der Bürgerlichkeit kratzt, gefällt Geissler gut. Ebenso die Art, wie der Autor das realistische Erzählen in Frage stellt, indem er Situationen aus mehreren Blickwinkeln einfängt. Für Geissler ein reizvolles Spiel.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2016

In Peter Stamms Roman "Weit über das Land" nimmt ein überaus durchschnittlicher Familienvater aus scheinbar unerfindlichen Gründen Reißaus und streift allein durch das Umland, fasst Rezensent Tomasz Kurianowicz zusammen. Stamm erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Thomas, der sich aus der Enge des Familienvaterdaseins nicht anders als durch wortlose Flucht zu befreien wusste, und der verlassenen Ehefrau Astrid, die lange erfolglos versucht, sich auf Thomas' Verschwinden einen Reim zu machen, bevor sie ihr Leben wieder aktiv gestalten kann, erklärt der Rezensent. Die Doppelperspektive ermöglicht Stamm ein Schreiben jenseits der moralischen Einfalt über das alte Lied von der Angst vor einer allzu gewissen Zukunft, so Kurianowicz.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 27.02.2016

Die Raffinesse von Peter Stamms neuem Roman zeige sich erst bei genauer Lektüre, schreibt Martin Ebel. Sie liege im sprachlichen Spiel mit Indikativ und Konjunktiv, mit dem, was wirklich geschieht, und dem, was nur imaginiert wird. Denn darüber könne der Leser von "Weit über das Land" letztlich nur mutmaßen. Der Rezensent kennt Stamm bereits als Fachmann für Durchschnittsfiguren und die Normalität des Alltags und findet beides auch im aktuellen Buch wieder. Die Geschichte um einen Familienvater, der ohne Vorankündigung von zu Hause abhaut, ziehe ihre Spannung nicht zuletzt aus der wechselnden Erzählperspektive, so Ebel: Sie springe hin und her zwischen dem untergetauchten Helden Thomas und dessen Frau Astrid, die die Suche nach ihrem Mann einleitet. Für Ebel ist der Autor Peter Stamm "der unspektakulärste, aber vielleicht radikalste Analytiker" seines Heimatlandes, der Schweiz.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.02.2016

Rezensent Philipp Theisohn scheint nicht sehr begeistert zu sein von Peter Stamms neuem Buch. Die Geschichte einer Trennung, der folgenden Abwesenheit und des Vergessens vermag ihm der Autor anhand eines Paares zwar durchaus nachvollziehbar darzustellen. Nur leider fehlt es dem Text an doppelten Böden, den Figuren an Entwicklung, meint Theisohn. Und so wirkt die "Erzählung vom Paar" auf den Rezensenten nicht nur statisch, sondern auch wie im luftleeren Raum, ohne Kontext oder Gedächtnis, als reiner Privatismus, beziehungslos.