Quinn Slobodian

Kapitalismus ohne Demokratie

Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen
Cover: Kapitalismus ohne Demokratie
Suhrkamp Verlag, Berlin 2023
ISBN 9783518431467
Gebunden, 427 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Aus dem kanadischen Englisch von Stephan Gebauer. Freiheit und Demokratie, so der Investor Peter Thiel 2009, seien nicht länger kompatibel. Wer die Freiheit liebe, müsse daher versuchen, der Politik in all ihren Formen zu entkommen. Zuflucht suchen könnten Libertäre im Cyberspace, im Weltraum und auf dem offenen Meer. Das mag verblasen klingen, steht aber in einer jahrzehntealten Tradition marktradikaler Ideen: Denker wie Milton Friedman begeisterten sich für das noch unter britischer Oberhoheit stehende Hongkong; Margaret Thatcher träumte von einem Singapur an der Themse. In seinem Buch "Globalisten" hatte sich Quinn Slobodian mit Versuchen befasst, ökonomische Fragen der demokratischen Willensbildung zu entziehen, etwa durch ihre Übertragung an internationale Organisationen. In Kapitalismus ohne Demokratie geht es nun um eine andere Lösung für das von Thiel beklagte Problem: die Zerschlagung der Welt in Steueroasen, Privatstädte oder Mikronationen. Quinn Slobodian nimmt uns mit auf eine Reise durch die Welt der neoliberalen Utopien. Sie führt nach Dubai und Liechtenstein, ins vom Bürgerkrieg zerrüttete Somalia und zu Elon Musks texanischem Weltraumbahnhof. Und sie weitet den Blick auf eine mögliche Zukunft, die uns Sorgen machen sollte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.01.2024

Bei Quinn Slobodian lernt der Rezensent Lennart Laberenz, wie ein entfesselter Kapitalismus sich in der Welt "Zonen" anlegt, wo er Kapital stapelt und den Staat ausschließt, um den Reichtum möglichst steuerfrei und umgeben von "einer weitgehend rechtlosen Armee aus Dienstmädchen, Gärtnern, Fahrerinnen, Boten oder Fabrikarbeitern" genießen zu können. Als Zonen dieses "Zersplitterungskapitalismus" definiert Slobodian laut Rezensent etwa Kunstlager, Gemeinden mit sittenwidriger Gewerbesteuer, Steuerparadiese, aber auch Gated Communities. Sie alle sorgen für eine zunehmende Ungleichheit zwischen Arm und Reich, und dies besonders auch in Deutschland, wo Jahr für Jahr 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt werden, meist steuerfrei, so Laberenz. Der Rezensent resümiert das Buch im wesentlichen, ohne groß die Argumentation Slobodians einzuordnen oder zu bewerten. Aber sein Entsetzen über Slobodians Befunde versteht sich auch von selbst.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2024

Rezensent Florian Meinel findet Quinn Slobodians Ideengeschichte der Ökonomie lesenswert trotz einiger Defizite. Der Autor bietet  nämlich einen Haufen Material für einen Paradigmenwechsel in der Sicht auf den Crack-up-Kapitalismus a la Javier Mileis. Leider scheint sich der Autor dessen gar nicht bewusst zu sein, ahnt Meinel. Dass Slobodian dafür jedenfalls kein theoretisches Rüstzeug mitbringt, da ist sich der Rezensent sicher. Abgesehen davon ist das Deutungsschema des Buches, das den inneren Zerfall der westlichen Demokratien nachvollzieht, nicht neu, erklärt Meinel. Und wenn der Autor in elf Fallstudien "flott" und urteilsstark auf den Kapitalismus eindrischt, indem er von Trump, Hongkong und Sonderwirtschaftszonen erzählt, fällt Meinel ein, dass es zumindest letztere schon lange vor dem Neoliberalismus gab.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.12.2023

Eine Warnung zur rechten Zeit ist für Rezensent Tom Wohlfahrt Quinn Slobodians Buch über die diversen Enklaven eines vermeintlich totalen Kapitalismus, die von libertären Denkern einerseits herbeigesehnt werden, andererseits teilweise bereits verwirklicht sind. Als Vorbild kann dabei, erfahren wir, Hongkong gelten, wo der Kapitalismus in Zeiten der britischen Kolonialherrschaft ohne demokratische Einschränkungen blühte. Slobodian führt allerdings laut Wohlfahrt aus, dass auch dieses vorgebliche kapitalistische Paradies nur aufgrund staatlicher Steuerung zum Beispiel in der Sozialpolitik funktionierte. Ähnlich ist es heute, so Wohlfahrt mit Slobodian, unter anderem in Singapur oder Dubai, wo autokratische Politik auf eine von vielen Regeln entbundene Wirtschaft trifft. Aber auch die City of London als Standort der Hochfinanz passt in das Schema der zynischen Vordenker des Anarchokapitalismus, zeichnet der Rezensent die Argumentation nach. Unter anderem ist aus all dem zu lernen, findet Wohlfahrt im Anschluss an die Lektüre, dass die Souveränität der Nationalstaaten keineswegs auf Dauer gesichert ist, und jederzeit wieder einem wirtschaftsgetriebenen Imperialismus weichen kann.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 24.11.2023

Rezensent Leander Scholz lässt sich vom Historiker Quinn Slobodian die Geschichte des libertären Denkens erzählen. Welchen Einfluss die liberale Denkschule von Hayek und Friedman bis heute hat, kann ihm der Autor anhand von Fallbeispielen erläutern. Slobodians genaue Analyse eröffnet laut Scholz den Blick auf die Folgen der Idee vom tyrannischen Staat und von allumfassender politischer und wirtschaftlicher Freiheit.

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