1957 kehren Ludwig und Hannah Seligmann mit dem 10-jährigen Rafael nach Deutschland zurück. Es fällt ihnen schwer, in der alten Heimat Fuß zu fassen. Rafi und sein Vater leiden zunehmend unter Vorurteilen. Die Familie übersiedelt schließlich nach München, wo sie sich allmählich einlebt. Trotz aller Hindernisse macht der verträumte Schulversager Rafael das Abitur, studiert Geschichte und hat - gegen den erbitterten Widerstand der Mutter - eine Beziehung mit Ingrid, einer "Schickse". Rafael Seligmann erzählt im dritten Teil seiner Familiensaga von der schwierigen Suche nach der verlorenen Heimat des Vaters. Sein Roman ist zugleich ein Stück Zeitgeschichte aus einem Deutschland, in dem die Verantwortung für die Vergangenheit noch kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert war.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2022
Rezensentin Rose-Maria Gropp erträgt das Leid der Juden in Deutschland, von dem Rafael Seligmann in seiner autobiografischen Trilogie erzählt, nur mit der vom Autor zur Verfügung gestellten Ironie und Tragikomik. Im vorliegenden letzten Band führt Seligmann die Rezensentin nach Bayern, wo die Familie Seligmann nach dem Krieg wieder Fuß zu fassen versucht. Die Spannung zwischen dem Zugehörigkeitsgefühl und der Skepsis der Eltern und dem anhaltenden Antisemitismus, dem die Familie begegnet, schildert der Autor laut Gropp nicht als Rollenprosa, sondern dynamisch, indem er die Erzählungen der Eltern aus der Retrospektive kommentiert. Ein für Gropp sprachmächtiges Buch, das sie auch als zeitgeschichtliches Dokument überzeugt.
Rezensent Klaus Hillenbrand möchte Rafael Seligmanns Buch gar nicht aus den Händen legen - obwohl es "auf jeder Seite schmerzt": Im dritten Teil seiner Familientrilogie geht es um die optimistisch gewagte, dann bitter enttäuschende Rückkehr der jüdischen Familie aus Israel nach München; abwechselnd erzählt aus der Perspektive des 10-jährigen Rafael, seines ambitionierten Vaters und der skeptischen Mutter. Wie den Seligmanns in der erinnerungsunwilligen Bundesrepublik Missgunst und Ausgrenzung entgegenschlagen, wie der Sohn in der Schule gehänselt und der Vater bei der Arbeit betrogen wird, sodass sich die ganze Familie nach und nach "in einen Kokon" zurückzieht, findet Hillenbrand quälend zu lesen, aber "glänzend" geschrieben. Eine Mischung aus Roman und Autobiografie, und auf jeden Fall mehr als einen Familienroman sieht er hier vorliegen: nämlich ein "Sittenbild bundesdeutscher Nachkriegszeit", das Zugang zur Erfahrung der "winzigen" jüdischen Minderheit damals schaffe - "unbedingt lesenswert", schließt der Kritiker daher.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…