Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.02.2001
Dem Rezensenten Siggi Seuss verschlägt die Lektüre schlichtweg die Sprache. Keinesfalls aber aus moralischer Empörung darüber, in einem Jugendroman ein "diffiziles" Psychogramm eines fünffachen jugendlichen Mörders vorzufinden. Ganz im Gegenteil kann er sich gar nicht entscheiden, was er als gelungenstes Element an diesem Roman des Amerikaners Robert Cormier hervorheben soll, der, wie er grandios bissig formuliert, in Deutschland nur "in Begleitung eines psychologisch-pädagogischen Krisenstabs" entstanden wäre. Der Roman trägt seiner Meinung nach die "souveräne Handschrift eines amerikanischen Dirty Realist", der seine Figuren ernst nimmt, ist zudem spannend wie ein Hitchcock-Thriller und hat starke Persönlichkeiten, an deren Schicksal der Leser einfach Anteil nehmen muss. Am Ende der Rezension findet Seuss dann doch noch das "Beeindruckendste" an diesem Buch: kein "forcierter Entwicklungsoptimismus" wird hier geboten, sondern "der zeitverlorene Umgang mit individuellen Veränderungen der Seele".
In diesem "Thriller" des kürzlich verstorbenen Robert Cormier kommt einem der Mörder ganz nahe. So jedenfalls hat es Reinhard Osteroth erlebt. Die Konstruktion der Geschichte findet er meisterhaft. Einerseits vergleichbar einem Versuchsaufbau im Labor, werde sie andererseits "durch eine vehemente Dosis sprachlicher Präzision und erzählerischer Spannung" vergessen gemacht. In der Präzision scheint überhaupt das Geheimnis des Buches zu liegen. Osteroth entdeckt sie vor allem in den Proportionen der drei Erzählstränge - "dass sie immer fiebriger auf eine Ende zusammenlaufen". Cormier habe sich so sein eigenes Genre geschaffen, "den aus psychologischen Momenten gebauten Kriminal- und Geselschaftsroman". Für den Rezensenten ist der Autor damit zu "einem der wichtigsten Berichterstatter aus pathologischen Labyrinthen" geworden, "den die Jugendliteratur auf ihrer Seite hatte".
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