Robert Neumann

Die Kinder von Wien

Roman
Cover: Die Kinder von Wien
Die Andere Bibliothek/Eichborn, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783821862002
Gebunden, 235 Seiten, 30,00 EUR

Klappentext

Robert Neumann, der berühmte Parodist und verkannte Romancier, entführt uns in einen Wiener Keller im Nachkriegsjahr 1946, in dem ein eigenwilliges Gemisch von Geräuschen und jiddischen, russischen, deutschen und amerikanischen Sprachfetzen zu hören ist, so authentisch, dass auch das Schaben, Kratzen und Huschen der Ratten auf den nackten Kellerböden von dem ganz unjungen Jargon einer Bande Halbwüchsiger nicht übertönt wird. Jid, Goy und Ewa heißen drei der sechs Kinder, die sich stehlend, hurend und hehlend eingerichtet haben im Nachkriegschaos, die vom Glück ihrer anarchistischen Freiheit ebenso wenig daher machen wie vom allgegenwärtigen Mangel - weil sie's nicht anders kennen. Ihre Perspektive ist der Blick nach oben, durch die Schächte zum Licht, und was sie sehen, sind nackte Füße, Sandalen, kaputte Stiefel und den Exnazi in alliierten Diensten, der sie aus ihrem Ruinenkeller zu vertreiben, den schwarzen Armee-Pastor, der sie zu retten versucht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.12.2008

Für Friedmar Apel umgibt das Buch mit seinem existentialistischen Setting eines Luftschutzkellers und seiner verstörenden Sprache noch immer die Aura und die Problematik des Experiments. Was dem Roman bei seinem Erscheinen 1946 das Prädikat "engagiert" einbrachte, weil es an das Schicksal der Kinder der Besiegten erinnerte, wirkt laut Apel noch heute verstörend: Das von Robert Neumann erfundene gebrochene Kunstidiom aus Deutsch, Jiddisch, Rotwelsch, Amerikanisch, Russisch und Polnisch, die "beschädigte" Sprache als Ausdruck der moralischen Katastrophe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.11.2008

Kaum fasslich bleibt es für Hans-Peter Kunisch, dass dieser Roman von Robert Neumann, der so frappant den "ostjüdisch und besatzungsamerikanisch geprägten" Ton des Wiens der Nachkriegszeit trifft, zuerst auf Englisch erschien. Neumann hatte ihn 1946 im Londoner Exil mit Material aus dem Nachlass seines verstorbenen Sohnes verfasst und erst 1948 erschien eine deutsche Übersetzung, teilt der Rezensent mit. Der Roman erzählt aus dem Leben von Kindern, die sich in einem Kellerloch im Nachkriegs-Wien eingerichtet haben und sich gegen Ansprüche auf ihren Unterschlupf von einem "Politischen" namens "Regenmantel" und dem ehemaligen SS-Mann Müller zur Wehr setzen müssen. Auch heute noch ergibt sich daraus eine "schockierende" Erzählung, die zudem dramaturgisch höchst faszinierend dargeboten wird, wie Kunisch preist. Der zweite, siebzig Seiten lange Teil des Buches gleicht nämlich einer einzigen ungeschnittenen Filmszene, so der begeisterte Rezensent weiter. Neumanns unglaubliches Talent zur Parodie der verschiedensten Jargons hat diesem Roman seine anschaulich-drastische Gestalt verliehen, meint Kunisch hingerissen, der sich außerordentlich freut, dass jetzt eine Neuausgabe der aus den 70er Jahren stammenden grandiosen deutschen Übersetzung vom Autor selbst vorliegt.

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