Im 20. Jahrhundert erforschten moderne Architekten alltägliche Baupraktiken und Wohnbauten fremder Kulturen. So erzeugten sie ein vielfältiges Wissen zu den konstruktiven Eigenheiten des außereuropäischen Hausbaus. Architekten wie Bruno Taut (1937), Erwin Gutkind (1953), Hassan Fathy (1973) oder Gaudenz Domenig (1980) interessierten sich für architektenferne Bauweisen. Bei ihren Studien vor Ort wollten sie explizit für die eigene Praxis und die Disziplin "Architektur" lernen. Diese Fließrichtung des Wissenstransfers ist bisher kaum beachtet worden, waren die modernen Architekten doch in erster Linie in die bauliche Modernisierung außereuropäischer Gesellschaften involviert. Sascha Roesler legt nun eine Wissen(schaft)sgeschichte der ethnografischen Forschung der modernen Architektur vor.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2013
Die Erkenntnis, dass die europäische Architekturmoderne ihre Fundamente außerhalb Europas hat, verdankt Robert Kaltenbrunner diesem Buch von Sascha Rösler, das der Rezensent als gewichtigen Beitrag zur Anthropologie der Architektur bezeichnet. Gewichtig erscheint Kaltenbrunner das Projekt, die großen Signature Buildings von Gehry oder Koolhaas mit den Bauten in den zentralafrikanischen Slums zu vergleichen und dieses Spannungsfeld mit Hilfe von Gottfried Sempers Stoffwechseltheorie zu beleuchten, als Bewegung zwischen Materialität und Immaterialität. Dass der Autor dabei durchaus nach seinem subjektiven Erkenntnisinteresse verfährt und Zeiten und Gestalten handhabt und auch manch gestelzte Formulierung wagt, kann Kaltenbrunner verschmerzen.
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