Herausgegeben von Ulrike Anders, Raimund Fellinger und Katharina Karduck. 1970 begann Siegfried Unseld die Chronik - er notierte Ereignisse aus dem Verlagsalltag, Abenteuer mit den Autoren und Auseinandersetzungen mit der Öffentlichkeit. Im Jahr 1971 war er mit ganz spezifischen Herausforderungen konfrontiert. Nach dem Tod von Bertolt Brechts Witwe Helene Weigel galt es, den Zugriff der DDR-Regierung auf die Weltrechte an dessen Werk zu verhindern; die ersten Monate des Jahres standen im Zeichen der Lesereise Ingeborg Bachmanns mit ihrem ersten erfolgreichen Roman "Malina", im September erschienen mit einem Schlag die ersten 20 Bände der suhrkamp taschenbücher, die es bei Buchhandel, Kritik und Lesern durchzusetzen galt. Siegfried Unseld bewies in all diesen Verwicklungen seine Doppelkapazitäten zur Stressresistenz und Simultankompetenz.
Alexander Schimmelbusch liest Siegfried Unselds Chronik als "autofiktionalen" Bericht über eine gescheiterte Ehe und was der Mann draus macht. Hilfreich als Ergänzung all der bei Unseld bloß angedeuteten erotischen Eskapaden (Tennis, Buchhändlerinnenbesuche) scheinen Schimmelbusch Martin Walsers Tagebücher zu sein. Auch die bei Unseld nachzulesenden Streitereien um die Undankbarkeit von Autoren sieht der Rezensent so in einem anderen Licht. Die intime Leerstelle, das weibliche Kraftfeld, schreibt er, werde sichtbar, während Unseld das Private konsequent ausspare.
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