Die Routinen
Roman

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026
ISBN
9783608967166
Gebunden, 272 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Was sich anhört wie ein Witz, ist Alltag für die Leistungsturnerin Amik. Für sie zählt jedes Gramm, jeder Wettkampf, jede Wiederholung. Und jede überschrittene Grenze nimmt Amik dafür hin. "Die Routinen" seziert eine Welt, von der jeder ahnt, dass sie hart ist, aber niemand sieht oder sehen will, wie ausbeutend ein System ist, auf dem so viel Glitzer und Glanzspray liegt. Amik beugt sich den gnadenlosen Wettbewerbsprinzipien ihres Sports und mit jedem weiteren Schritt auf ein Siegerinnenpodest entfernt sie sich mehr von den Mädchen, die sie gestern noch getröstet haben.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 16.04.2026
Kunstturnen ist ja schön zum Ansehen, die inneren Mechanismen dieser Welt sind aber für die Turnerinnen ziemlich quälend, wie Rezensentin Sigrid Löffler in Son Lewandowskis "quasi-dokumentarischen" Debütroman zu lesen bekommt. Die stundenlangen Drills sind gesundheitsschädlich, die Trainer missbrauchen ihre Macht: All das erlebte die Ich-Erzählerin Amik am eigenen Leib, wie sie hier im Rückblick und in einer Art Chor mit Turnerinnen erzählt, verrät Löffler. Sie essen kaum etwas, damit sie ihren kindlichen Körper bewahren, übernehmen den Ehrgeiz der Trainer und leiden leise. Auf eine stringente Handlung verzichtet Lewandowski, die Wiederholungen im Text erscheinen der Kritikerin wie die stilistische Abbildung der Trainingsabläufe der Turnerinnen. Nach der Lektürin muss man sich Turnerinnen als "verunglückte Menschen" vorstellen, stellt Löffler ergriffen fest.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 12.03.2026
Gleich zwei besondere Debüts darf Rezensent David Hugendick entdecken: Er hält die Romane von David Vajda und Son Lewandowski für herausragende Beispiele unter den deutschsprachigen Frühjahrserscheinungen. : Son Lewandowskis Thema ist dabei ungewöhnlich, liest man doch selten Romane über die inneren Mechanismen des Leistungsturnens. Die Handlung setzt ein mit der Erinnerung Amiks, der Erzählerin, an den Sturz ihrer Turnkollegin bei der Europameisterschaft, eine ganze Kaskade an Bildern läuft dann bei ihr ab, lesen wir; der Drill im Training, die ewigen Wiederholungen, die Zurichtungen, die Schmerzen, das Kollektiv an Turnerinnern. Für Hugendick nehmen die Sätze in diesem "protokollarischen Reigen" die Form ausgeklügelter Turnübungen ein - und die Kür gelingt, nur selten sind die Bilder zu überbordend, dafür sorgen auch die essayistischen Teile über die Schicksale von Turnerinnen wie Nadia Comaneci und Simone Biles. Dass Lewandowski empfiehlt, sich Turnerinnen als "verunglückte Menschen" vorzustellen, ist eine bittere Erkenntnis dieses beeindruckenden Romans, der für den Kritiker aber höchst geglückt ist.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 28.02.2026
Kunstturnen hat mit Spiel und Spaß wenig, mit Druck und Unterdrückung hingegen viel zu tun, lernt Rezensentin Sophia Zessnik in Son Lewandowskis Debütroman schnell. Ihre Protagonistin Amik erinnert sich an ihre Karriere zurück, an all die Maßnahmen, die ihren Körper zwanghaft geformt haben, die dafür sorgen sollten, dass sie im Sport Leistungen erbringt und ihr Körper der eines Kindes bleibt und nicht der einer Frau wird, lesen wir. Das Gewicht, "wie es hinter dem Komma stolpert, hinfällt, wieder aufsteht", sei nur eine der Stellschrauben, an denen manipuliert werde. Für Zessnik spiegelt sich Lewandowskis Interesse an den Grauzonen, die diesen Missbrauch ermöglichen, auch auf der sprachlichen Ebene wider, die Sprache verstört geradezu durch ihren protokollarisch-nüchternen Charakter. Für die Kritikerin eine genaue Analyse nicht nur des Kunstturnens, sondern auch der Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft, in der wir uns befinden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.02.2026
Eine "aufregende Idee" liegt diesem Buch zu Grunde, freut sich Rezensentin Marie Schmidt. Im Zentrum steht die ehemalige Spitzenturnerin Amik, die zu Beginn den Sportunfall einer jüngeren Kollegin beobachtet und sich an die eigene Karriere erinnert. Besonders beeindruckt ist Schmidt davon, wie wir hier Einblick bekommen in die Psyche von Sportlerinnen, die wir sonst immer nur von außen betrachten. Wir erfahren also, wie es sich anfühlt, perfekte Körperroutinen auszuführen und den Alltag aus "Körperbeherrschung und Selbstauflösung, Euphorie, Scham" überstehen zu müssen. Lewandowski widmet sich auch den großen Missbrauchsskandalen des Sports, wie zum Beispiel dem Arzt Larry Nassar, der sich über Jahre hinweg an Sportlerinnen verging. Thematisiert werden außerdem historische Fälle, wie der der Turnerin Kerri Strug, die von ihrem Trainer gezwungen wurde, trotz ihres verletzten Knöchels ein zweites Mal zu springen. Heute ist so etwas dank emanzipativer Bewegungen zum Glück verpönt - die "Vorgeschichte dieser Selbstermächtigung" erzählt dieser ungewöhnliche Roman spannend und literarisch klug, nur zuweilen vielleicht ein wenig statisch, resümiert die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.02.2026
Sowohl inhaltlich als auch sprachlich einnehmend findet Rezensentin Sophia Coper Son Lewandowskis Buch über strukturellen Missbrauch im Kunstturnen. Anhand einer Geschichte um die fiktive Kunstturnerin Amik, die besorgt den Karriereverlauf eines Schützlings beobachtet, aber auch im Rückgriff auf Zitate von echten ehemaligen Sportlerinnen wie Olga Korbut, Nadia Comăneci oder Simone Biles und mit einem kollektiven "Wir" beleuchtet die Autorin, die selbst geturnt hat, das "toxische Umfeld" dieser jungen Mädchen: es geht um das massenmäßige, aber sozial isolierende Training, um die Obsession mit dem Körpergewicht, und die politische Verwertung von Höchstleistungen und natürlich auch um sexuelle Übergriffe. Die Darstellung der Autorin, die die Turnerinnen trotzdem nicht nur als Opfer zeigt, sondern auch deren eigenen Erfolgshunger hervortreten lässt, scheint die Kritikerin dabei grundsätzlich gelungen und aufschlussreich zu finden. Besonders hebt sie jedoch hervor, wie auch Lewandowskis elegante und präzise Sprache eine Art Abbild der turnerischen Bewegungen und der polierten Oberfläche gebe - inklusive einer Typographie, die gewisse einzelne Sätze vom Text isoliere, wie der krönende Schluss einer Kür, staunt Coper. Für die Kritikerin ein weiteres gelungenes Dokument dieser Missstände, das nach Veränderung in der Turnwelt schreit.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.01.2026
In einem texanischen Anwesen haben Trainer seit den 1980er-Jahren immer wieder Kunstturnerinnen missbraucht, diese Geschichte bildet die Basis für Son Lewandowskis Debütroman, weiß Rezensent Paul Jandl. Ihre Protagonisten sind die fünfzehnjährige Izzy und die doppelt so alte Amik, die sich im Trainingslager damit auseinandersetzen müssen, welche harten körperlichen Opfer dieser Sport fordert und wie wenig sie als Individuen in diesem Metier zählen, resümiert Jandl. Er zeigt sich sehr überzeugt davon, wie Lewandowski mit präziser Sprache Fragen um Leistung, Nähe, Anerkennung und Selbstwert stellt und auslotet und dabei Dokumentarisches und Fiktion miteinander verwebt.