Vorworte

"Leiden lernt man durch Leiden"

Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
07.01.2026. Wenn man vierzig Jahre über Bücher geschrieben hat, sollte das Territorium der eigenen Interessen einigermaßen kartiert sein. Meint man. Aber Literatur schlägt immer mal wieder zu und ein, wo man es nie erwartet hätte. So hat Son Lewandowskis Debütroman "Die Routinen" die angejahrte "Vorworte"-Schreiberin wortmächtig an die Schicksale junger Kunstturnerinnen herangeführt.
Son Lewandowski. Foto: Maximilian Gödecke
Nicht jedem gequälten Menschen gibt ein Gott - oder doch wenigstens ein zur Sprache berufener Geist - zu sagen, was er leidet. So stammt auch das Zitat, das über diesem "Vorwort" steht, nicht aus dem hier anzukündenden Roman. Den nackten, engen Zirkelschluss hat die Kunstturnerin Ariella Kaeslin 2008 einem Reporter des Schweizer Fernsehens ins Mikrofon gesprochen.

Die Sportlerin stand damals im Zenit ihrer Karriere; fast simultan begann ihr der Boden unter den Füßen wegzubrechen. Das Leiden, von Kind auf eingeübt, forderte seinen Tribut, physisch und psychisch: mit Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Seh- und motorischen Störungen, Herzklopfen und "wilden Gedanken"; mit einer Erschöpfungsdepression, an deren Grund sich die Frage regte, wer sie selbst, außerhalb ihrer Identität als Spitzenathletin, überhaupt sei. Die eigenen Bedürfnisse und Interessen hatte die Heranwachsende spätestens mit dem Eintritt ins nationale Leistungszentrum radikal unterdrücken gelernt.

Den Mädchen und jungen Frauen, die am Stufenbarren, auf Schwebebalken, Pferd und Matte ihre geballte Muskelkraft in Schwerelosigkeit zu verwandeln scheinen, hat Son Lewandowski nun eine Stimme gegeben. Hat dabei hartes Faktenmaterial in ein sprachlich und emotional vibrierendes, dichtes Werk überführt, dessen Sog auch Leserinnen verfallen können, die den Fernseher bei Beginn der Sportnachrichten automatisch ausschalten. "Die Routinen" heißt der überraschende Debütroman der 1988 geborenen Kölner Autorin, die zuvor nur selten mit literarischen Texten an die Öffentlichkeit getreten ist.

Präsenz markiert Son Lewandowski jedoch in anderen Bereichen. Sie studierte Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft, dann Sozialwissenschaften und setzte die akademische Laufbahn als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Siegen und Bonn fort; gründete 2018 gemeinsam mit Svenia Reiner das Kölner Literaturfestival "Insert Female Artist", dem das Forschungsprojekt "Literarisches Forum für feministische Stimmen" angegliedert wurde; und kuratiert, ebenfalls in Köln, mit zwei weiteren Kolleginnen die "unruly readings", eine Veranstaltungsreihe für Literatur und Performance.

Einen Auszug aus den "Routinen" trug Lewandowski 2023 in Klagenfurt im Rahmen des Literaturkurses vor, der die Vergabe des Bachmann-Preises flankiert. Im Gespräch mit Heimo Strempfl skizziert sie die Genese des Romans, erwähnt auch, sie habe ganz früher selbst geturnt. 2017 weckte dann der Prozess gegen Larry Nassar, der als Teamarzt der amerikanischen Kunstturnerinnen die Mädchen über Jahrzehnte systematisch und unbehelligt missbraucht hatte, erneut ihr Interesse am Thema; die folgenden Recherchen erschlossen ihr neben den Härten und Gemeinheiten des Hochleistungstrainings auch dessen historische Dimension. Den Titel des Romans, erklärt die Schriftstellerin, habe sie im Blick auf seine doppelte Bedeutung gewählt: Im Englischen meine routines die Übungen der Sportlerinnen, im Deutschen sei Routine "eigentlich ein Wissen, das die ganze Zeit unsichtbar bleibt, etwas, das auch unsichtbar bleiben muss, damit wir überhaupt handeln können und nicht die ganze Zeit über jede Bewegung nachdenken; das aber eben dafür sorgt, dass wir nicht mehr hinterfragen können. Um diesen Mechanismus geht es eigentlich: Durch wie viel Übung wird etwas Routine und dadurch unsichtbar und nicht mehr hinterfragbar?"

Zwei Seiten nehmen die am Schluss des Buches gelisteten Quellenverweise ein. Wie wird diese Materialfülle literarisch umgesetzt? Son Lewandowski strukturiert sie, indem sie eher dokumentarische, bis in die Sechzigerjahre zurückreichende Streiflichter auf die Schicksale einzelner Spitzenturnerinnen als eine Art Marksteine in einen fiktionalen Handlungsbogen setzt. Die Wechsel zwischen den Ebenen sind organisch, denn auch im Erzählgeschehen werden die Realien einer Sportkarriere amalgamiert; aber die Schriftstellerin gewinnt die Möglichkeit, sie nach vielen Richtungen hin auszuleuchten. Das tut sie mittels einer für die Disziplin ungewöhnlichen Frauenkonstellation: Mit 32 Jahren ist die Ich-Erzählerin Amik fast schon jenseits der Obergrenze für die Top-Liga im Turnsport und doppelt so alt wie ihre Teamkollegin Izzy, mit der sie - gegen ihren Willen - das Zimmer im Leistungszentrum teilen muss. Dass Lewandowski sich für diese Protagonistin entschieden hat, leuchtet jedoch ein. Der Kunstgriff ermöglicht, anhand der Rekapitulation von Amiks Laufbahn, einerseits die Nachzeichnung einer integralen Turnerinnen-Karriere; andererseits erlaubt er auch eine Reflexionstiefe und ein Gefühlsspektrum, die sich einer Erzählfigur im Teenager-Alter nicht ohne weiteres zuschreiben ließen.

Der geschichtliche Rückblick setzt im Osten ein - von dorther kommt schließlich, was leuchten soll über der Welt. So jedenfalls musste es dem Olympischen Komitee geschienen haben, das 1976 nach Nadia Comănecis Triumph bei den Spielen in Montreal notierte, die rumänische Kunstturnerin habe "Perfektion im Alter von 14 Jahren" erreicht. Natürlich hatten Sportlerinnen und Sportler aus dem Ostblock zuvor schon mit Spitzenleistungen geglänzt; so blendet Lewandowski auch zurück auf Věra Čáslavská, die 1968 Olympia-Gold holte. Die Tschechin allerdings zählte bei ihrem Medaillensieg 26 Jahre, was damals der Norm entsprach. Mit Nadia Comăneci brach eine neue Ära an - Kunstturnen wurde vom Frauen- zum Kindersport. Der Mann dahinter: Comănecis Trainer Béla Károlyi, der Rumäniens Grundschulen systematisch nach Talenten durchkämmte und die Kinder in der gemeinsam mit seiner Frau betriebenen Ausbildungsstätte versammelte. Die Folge: Das Training wird zum "abgeschlossenen Leistungssystem", in dem die Kinder, von ihren Familien weitgehend getrennt, ungeschützt einem mit krassen Mitteln durchgesetzten Erfolgsdruck ausgeliefert sind. Und das mitnichten nur hinter dem Eisernen Vorhang. 1981 setzten sich die Károlyis in die USA ab, gründeten dort ein Sportzentrum, das - unter denselben Konditionen - eine ganze Reihe von Spitzenathletinnen hervorbrachte und auch jahrzehntelang die Dienste jenes Larry Nassar beanspruchte, dessen Prozess zur Initialzündung für Son Lewandowskis Romanprojekt wurde. Mehr als 265 Turnerinnen warfen dem Mediziner sexuellen Missbrauch vor.

So bleibt die "Károlyi-Ranch" in Texas ein zentraler Referenzpunkt der historischen Rückblenden im Roman. Man darf die ungewollte Ironie im Jubel des Sportansagers auskosten, der befand, die dort ausgebildete Dominique Moceanu habe "wirklich Spaß an dem, was sie tut"; noch höher gingen die Wogen der Berichterstattung angesichts der vier Goldmedaillen, welche die Károlyi-Elevin Simone Biles 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro erkämpfte. Man pries die Fähigkeit der Afroamerikanerin, ihre Leistung leicht aussehen zu lassen, befand, die US-Turnerinnen hätten einen "Mentalitätswechsel" in die Disziplin gebracht: Sie hätten "Freude bei ihrem Sport", würden nicht gedrillt, geschlagen, gedemütigt. Ach ja? Biles war unter den Missbrauchsopfern, die im Prozess gegen Nassar aussagten; Moceanu eine der drei Athletinnen, die Ende März 2017 vor Mitgliedern des amerikanischen Senats Zeugnis gegen ihn ablegten.

Den unrühmlichen Schlusspunkt zum Thema Ausbildungsstätten setzt in "Die Routinen" das bieder klingende Magglingen, Zentrum des Schweizer Spitzensports, wo auch Ariella Kaeslin geschult wurde. 2007 hatte eine von ihr und drei anderen Turnerinnen getragene Protestaktion, acht Jahre später Kaeslins von den Journalisten Christof Gertsch und Benjamin Steffen aufgezeichnete Biografie Licht auf die dortigen Missstände geworfen, geändert hatte sich nichts. 2020 ging dann, mit den im Magazin des Tages-Anzeigers erschienenen "Magglingen-Protokollen", die Bombe hoch. Acht Kunstturnerinnen und Gymnastinnen berichteten in der breiten Recherche über Leistungsdruck, Psychoterror und kaum glaubliche physische Strapazen, die sie hier, im nationalen Sportzentrum, sozusagen unter dem Auge des Staates erlitten.

Reflexe dieser zeit- und lebensnahen Reportage scheinen auch in der Erzählhandlung auf, mit der Son Lewandowski ihr Thema erweitert und auslotet. Den Rahmen für die Gegenwartsebene im Roman setzen die Turn-Europameisterschaften in Antalya im Jahr 2023; Amik hat die Qualifikation für die Teilnahme nicht mehr geschafft, begleitet Izzy aber dorthin und sieht sie gleich zu Beginn hart vom Stufenbarren stürzen. Mehrere Tage liegt die Sechzehnjährige unter Vollnarkose im Spital, während Amiks Monolog sich entfaltet.

Monolog? Nicht wirklich. Die Sprache wechselt zwischen Ich-, Du- und Wir-Form, geschmeidig und spannungsvoll, mit ihren gelegentlichen sprachakrobatischen Einlagen bestens aufs Thema abgestimmt. "Ich" steht für Amik, "Du" für Izzy, "Wir" fürs große Kollektiv der Kunstturnerinnen: In dieser Konstellation werden nicht nur die prekären Beziehungen unter den Sportlerinnen gefasst, die gegensätzlichen emotionalen Kräften - der zentrifugalen des Konkurrenzdrucks, der zentripetalen einer Leidensgemeinschaft - ausgesetzt sind, sondern auch ein Aspekt, den Lewandowski immer wieder herausstreicht. Die Tatsache nämlich, dass den Turnerinnen die individuelle Stimme genommen wird, dass ihnen Karriere-Narrative quasi auf den Leib geschrieben, ihre eigenen Notrufe derweil überhört werden. "Man kann uns leicht erzählen, denn unsere Geschichten wurden gut trainiert. Wir könnten mit einem Radschlag beginnen, einem Handstand, einem Salto oder einem Spagat. Aufgeschlagen stehen wir da und man kann die Innenseiten unserer Oberschenkel entlangfahren, erst mit den Augen und dann mit den Fingern", heißt es schon ziemlich zu Beginn des Romans. Die bittere Bilanz kommt gegen Schluss, als Kommentar zu den "Magglingen-Protokollen": "Aber es hilft nichts, wir müssen uns nochmal erzählen. Übermorgen übrigens wieder." Und dann der gekonnte finale Kick: "Eine Bewegung hat sich durchgesetzt, gewinnt jeden Kampf, und ihr Schwierigkeitsgrad hält sich in Grenzen: das Schulterzucken. Die Muskeln hochziehen und dann einfach fallen lassen. Das hilft auch gegen Verspannungen und kalte Hände."

Zum Verlust der eigenen Geschichte zählt mittelbar auch derjenige der engsten menschlichen Bindungen. Die Mädchen verbringen den Großteil ihrer Zeit in den Leistungszentren, die absolute Fokussierung auf den Sport löscht den Bezug zur Außenwelt, sie entfremden sich Freunden, Eltern, Geschwistern. Auch das packt Lewandowskis Prosa. Eine Zeitlang vibriert Izzys Handy immer wieder, ohne dass sie den Anruf annimmt. Amik fragt nach, erfährt, dass die Eltern der Kollegin das Unbehagen gepackt hat, sie drängen darauf, dass sie nach Hause komme. "Welches Zuhause, fragte ich. Eben, sagtest du. Dann lächelten wir uns an."

An Vaters und Mutters statt steht die Trainerin, der Trainer. Wolfgang - kurz Wolf - heißt er im Roman. Das mag überdeutlich wirken, aber Wolfs Verhalten ist nach der Realität modelliert. Hören wir kurz den O-Ton, es spricht die Schweizer Athletin Lynn Genhart: "Man sagte mir, immer vor allen anderen: Was ich eigentlich das Gefühl hätte, wer ich sei, eine Topturnerin?" Und nun Amik. Wolf droht, "dass er mich aus dem Team nehmen würde, wenn ich so weitermachte, und ob ich wirklich glaubte, dass ich mit meiner Leistung das Team wert wäre". Nicht minder perfid als die gezielte Demütigung ist der Double Bind: Als Amiks Körper weibliche Formen annehmen will, die sie mit rabiater Diät bekämpft, pflegt Wolf zartsinnig zu mahnen, sie solle "ein wenig aufpassen": Das kann das kräftezehrende Hungern betreffen, aber ebenso gut die Gewichtszunahme.

Damit öffnet sich die Tür zum nächsten Angstkomplex. Pubertät. Körperscham. Das erste, was Amik von Wolf hört, ist "Starke Beine". Könnte sogar ein Kompliment sein, der neue Trainer lächelt dabei. Aber das Mädchen durchfährt die Angst. "Wir wussten beide, dass die Stars an den Stufenbarren groß wurden, weil sie klein blieben, und dass ich gegen meine Beine etwas tun musste." Dito gegen das Becken, das breiter wird, gegen die sich abzeichnenden Rundungen. Mit diesem Kampf ist Amik nicht allein. In der Trainingshalle muss man täglich zweimal auf die Waage, sie sieht Kolleginnen, die "jede Haarklammer und jedes Haargummi, jede Bandage und jedes Taschentuch ablegten, bevor sie den Schritt auf die Waage machten. Ich sah Mädchen, die vor dem Schritt in das weiße Feld ausatmeten und dann die Luft anhielten, bis ihr Gewicht feststand." Sie weiß auch, was sich die Turnerinnen deswegen antun, praktiziert es teilweise selbst: dick verpackt aufs Trainingsrad oder Treppen hoch und runter rennen, damit der Schweiß fließt, nachts Fenster auf und Decke weg, um Kalorien wegzufrieren, Abführmittel, Kotzen, und vor allem: Diät, Diät, Diät. Wie verzehrt eine Spitzenturnerin ein Gummibärchen? Hier greift Lewandowski auf eine reale Erinnerung der US-Athletin Jaycie Phelps zurück und verwandelt sie in eine Performance, die gleich noch der Materie des süßen Häppchens gerecht wird: "Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Ein Bein für den Stand und ein Bein, das ist das Spielbein. Eine Spannung, eine Freude, ein Bein, das unterhält, ein Gummibärchen, das sich dehnt zu einem tagelangen Snack."

Dieser Wille, gedanklich, sprachlich und auch emotional in die Tiefe zu arbeiten, steht im Kern von "Die Routinen" und schafft die Fülle, die man aus den rund 260 Seiten Text mitnimmt. Denn hinter den harten Konturen der Sportwelt wächst die Frage: Wie sollen sich Beziehungen, Gefühle in diesem Umfeld entwickeln können, welche Gestalt oder Fratze nehmen sie an? Auch hier kommt Lewandowski zu Einsichten, die überzeugen, zu Formulierungen, deren Innenspannung aus lebendigem Nachempfinden und beherrschter sprachlicher Geste resultiert. So erkennt Amik ihren Stolz über den ersten Sieg zugleich als "ein Gefühl, das (…) die anderen wegstieß"; später wird sie registrieren, wie ihr die wachsende Verunsicherung über den eigenen Körper den Blick verstellt: "Wohin ich auch schaute, ich sah die andere und sah sie nicht, der Blick fiel sofort auf mich selbst zurück. (…) Und ich fragte mich, ob wir uns gegenseitig die Eigenschaften aus dem Körper reißen und an uns nehmen würden, auf die wir neidisch waren."

Genau diesen Neid schreibt die Autorin Amiks Beziehung zu Izzy ein, steigert ihn bis zum Gewaltakt - einem der raren Momente, da die Erzählung den Rahmen des Glaubwürdigen zu sprengen droht. Die Strafe für den Übergriff der Protagonistin ist Wolfs Beschluss, dass sie fortan ihr Zimmer mit Izzy teilen muss, dem hochfahrenden Ehrgeiz der Jüngeren ebenso ausgesetzt wie dem Geblubber des Wasserkochers, mittels dessen diese ihre endlosen Trinkrituale alimentiert. Doch dann wenden sich die Dinge gegen Izzy. Ihre Ambition sticht auch den Kolleginnen in die Nase, diese rächen sich mit einem von dumpfem Hass erfüllten Ritual, sie beginnt das Bett zu nässen - und Amik springt ihr bei; die beiden finden zu einer fragilen, zunächst stummen Solidarität. Zu schön, um wahr zu sein, soll diese Wendung nicht werden, dafür sorgen die harten Akzente, die Lewandowski da und dort setzt. Das YouTube-Video etwa, das die beiden "Trost" nennen: Es würde unsereine schaudern machen. Und auch Izzys Versuch, der bei der Kaderwahl für die EM in Antalya abgewiesenen Gefährtin zur Seite zu stehen, öffnet nur den Blick ins Finstere. Amik könnte doch ihre Trainerin werden, schlägt die Jüngere vor. Aber: "Wir wussten beide, dass eine Trainerinnenkarriere der nächste logische Schritt für mich war. Einmal die Seiten wechseln, damit es so weiterging. Einmal und noch einmal und noch einmal die erfahrene Gewalt als Erziehung verkleidet weitergeben, so hatten wir es schließlich gelernt."

Nach diesem Debüt darf man gespannt sein, wie Son Lewandowski ihren Weg fortsetzen wird. Wie schon erwähnt, sind einstweilen nur wenige weitere Textproben greifbar, so kann der Hinweis darauf nicht mehr als eine rudimentäre Skizze der Topografie sein, in der sich die Autorin bewegt. Der früheste Text, "Rattenfängerin", datiert auf Ende 2020 und weist noch erzählerische wie sprachliche Unebenheiten auf. Der Bezug zwischen den beiden ineinander gefügten Episoden wirkt zu lose, um Innenspannung oder zusätzliche Bedeutung zu schaffen, und dass im Kontext einer mit dramatischen Sprachgesten inszenierten Karnevalsszene ein tödlicher Unfall quasi unter den Tisch gekehrt wird, ist zwar gewiss intendiert, wirkt aber nicht überzeugend. Hier wie auch in "Die Fische wässern" setzt Lewandowski eine kindliche Erzählerin ein, ohne sich auf eine entsprechende Prosa zu verpflichten - was aber insbesondere im Blick auf den letzteren Text keiner Rechtfertigung bedarf: Anders hätte sich das komplexe, suggestive Erzählgeschehen, das drei Generationen - Großmutter, Mutter, Kind - übergreift, nicht entwickeln lassen. Das Mädchen ist Stimmführerin, die Großmutter jedoch die eigentliche Hauptfigur: eine Kalte Kriegerin, Schreibkraft beim Bundesamt für den militärischen Abschirmdienst, die dem Kind mit verstörenden Erzählungen den Geist ihrer Zeit weiterreicht. Der Text präsentiert sich zwar als geschlossene Einheit, doch birgt er so viel, dass man sich dahinter gut auch ein größeres Schreibprojekt vorstellen könnte.

In engem Bezug zueinander und - mittelbar - auch zum Roman stehen der im Herbst 2025 in der Literaturzeitschrift Edit publizierte Essay "Rethilienth" und das "Journal über das Scheitern", das Lewandowski 2024 zusammen mit der Künstlerin Rike Hoppse für das LITFILMS-Festival Münster entwickelt hat. Die beiden Texte gehen das Thema der "Routinen", den brutalen Erfolgsdruck, quasi von der Kehrseite her an; den gedanklichen Hintergrund umreißt Lewandowski folgendermaßen: "In meinem Schreiben treibt mich immer wieder die dominante Leistungsethik um, die sich in unsere Denkprozesse, unser Fühlen, unser Handeln, unsere Beziehungen gefressen hat. Darum interessieren mich Störmomente in diesem leistungsdrückenden Klima, Momente des Misserfolgs, Gefühle des Versagens, ob und wie in diesen Einbrüchen in unsere Leistungsgesellschaft ein Umdenken möglich ist."

In "Rethilienth" verhandelt die Schriftstellerin - oder jedenfalls das schreibende Ich - die Idee der Resilienz vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrung, aber mit ständigen Ausgriffen auf den Zeitgeist. Zunächst im sprachlich entworfenen Bild und dann im harten Wort wird der Leerlauf von achteinhalb Jahren Psychoanalyse gefasst; die Schreibende verlässt die Praxis des Psychiaters mit einer Handvoll derzeit modischer Begriffe - "Achtsamkeit, Agilität, Vulnerabilität, Resilienz" - und mit einem zum Reflex gewordenen Hang zur "Verschlagwortung" der eigenen Gefühle, der ihr selbst suspekt ist. Die Resilienz nimmt sie sich dann im Detail vor, spiegelt den Begriff mal in der Definition der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften, mal in einem scheinbar wirren Haufen anklingender Wörter; die gegen Ende nachgereichte Erklärung für das doppelte "th" im Titel trifft einen dann wie eine Backpfeife.

Das in Form von Tagebucheinträgen notierte "Journal über das Scheitern" greift längere Passagen aus "Rethilienth" auf und ergänzt sie mit neuen gedanklichen Exploits. Die können einem das Grundthema in eine ironisch-hochtrabende Floskel verpackt vor die Füße werfen: "Die moderne Pflicht zum Erfolg führt zu einem heroischen Umgang mit dem Scheitern als Chance." Oder es in weich gestrickter Hülle präsentieren, wie in der kurzen Meditation über smarte Kleidung, wo die Möglichkeiten der Selbstoptimierung im digitalen Zeitalter zielsicher ad absurdum geführt werden. Oder - müssen wir uns eines Tages tatsächlich der Frage stellen: "Wann wird meine Socke intelligenter sein als ich?"

Eine thematisch ganz anders gelagerte Arbeit findet sich im unlängst erschienenen Sammelband "Über Brücken - Bridging". Für das gleichnamige Kölner Projekt hat Son Lewandowski 2023 den Text "In diesem Wasser liegt Beton" verfasst; zwischen lyrisch-reflektierenden Passagen und dokumentarischen Prosasegmenten wechselnd, umkreist er - mal hintergründig, mal ironisch - den Umgang mit sogenannten Gastarbeitern. Sein finsteres Herz ist jedoch die Rückblende auf ein atemberaubendes technisches Wagestück, als sich die Bauleute bei der Errichtung der Kölner Severinsbrücke unter Wasser in den Flussgrund vorarbeiten mussten. Der Senkkasten, den sie dort als Fundament für den Brückenpfeiler verankern sollten, diente ihnen zugleich als Schutz; infolge einer Fehlmanipulation brach er ein, mindestens fünf Arbeiter starben bei dem Unfall. Einer liegt womöglich noch immer unter dem Pylon, der das stolze Bauwerk trägt.

Die Spitzenturnerinnen im gleißenden Licht des Stadions, die Männer, die ungesehen im kollabierenden Beton des Brückenfundaments zu Tode kamen: Eine Schriftstellerin, die zwischen solchen Polen arbeitet, dürfte noch einiges zu sagen haben.

Son Lewandowski: Die Routinen
Roman
Klett-Cotta, Stuttgart 2026. 272 Seiten, gebunden, 25 Euro.

Erscheint am 17. Januar 2026

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